A. Weber und S. Weigle: Das Duo zu Eugen d'Alberts Oper, die am Samstag an der Volksoper Premiere hat.

Foto: STANDARD / Urban

Wien – Sebastian Weigle schätzt "Tiefland". Zehn Jahre hatte er versucht, diversen Opernhäusern das Werk schmackhaft zu machen. Die Begeisterung für Eugen d'Alberts Werk stamme aus seinem "früheren" Leben. "Ich habe die Oper als Solohornist in der Staatsoper unter den Linden sehr gerne gespielt. Wenn Kollegen einen Dienst tauschen wollten, habe ich mich sofort eingetragen."

Der Farbenreichtum reizt besonders. "Das Stück ist vom Sujet her einfach. Berg und Tiefland – Freiheit und Knechtschaft, Beziehungsprobleme – man kann das Thema in viele Bereiche übertragen. Musikalisch ist 'Tiefland' voller Farben. Es gibt zwar nicht viele Themen. Aber wie d'Albert sie verarbeitet und verfremdet ist faszinierend. Er verwendet auch Leitmotivik. Dem herrschsüchtigen Sebastian etwa sind harte Orchesterschläge zugeordnet. Das Wolfsmotiv – die Wolfstriole – ist fast 1:1, sagen wir 1:2, ein Motiv aus 'Carmen'."

An der Nähe zu anderen Komponisten, die man d'Albert häufig zum Vorwurf macht, hat er nichts auszusetzen. "Wieso muss das etwas Negatives sein? Damals haben sich Komponisten bei anderen – auch bei sich selbst – bedient. D'Albert hat aber eigenständig gearbeitet. Zum Beispiel hat er – im Gegensatz zu Weberns 'Freischütz' – keine Nummernoper komponiert, sondern einen durchkomponierten Bogen geschaffen. Seine Musik hat viele Kontraste, sie ist süßlich, dann wieder weich, auch sehr hart."

Dass diese Oper zuletzt eine Renaissance erlebt, freut Weigle, er fragt sich aber: "Waren schlechte Kritiken schuld? Gab es keine Sänger, die die Partien meistern konnten? Hat es die Regie nicht interessiert?" Regisseur Anselm Weber hat sein Stichwort bekommen. "Ich glaube, meine Generation ist die erste, die die Werke wieder 'an sich' hört, ohne die Brille der Nazi-Geschichte. Ich höre nicht 'Tiefland' und denke 'Hitlers Lieblingsoper'. Ich gehe naiv an das heran."

Er wisse um die Macht der Sekundärliteratur, "aber darum kümmere ich mich zunächst bewusst nicht. Im Zentrum steht für mich eine Frau, die als Kind abgegeben wurde, vom Vater wohl missbraucht wurde und durch ihre Jugend zum seelischen Krüppel wurde. Die Geschichte dreht sich um eine Frau, die nicht lieben kann. Das ist eine sehr starke Geschichte. Marta möchte lieber sterben, als zu riskieren, geliebt zu werden."

Weber, Sohn einer Fotografenfamilie, der ursprünglich Kameramann werden wollte, zeichnet die psychologische Ausgangssituation des Stückes.

"'Tiefland' wurde 1903 uraufgeführt. Das baskische Landleben, oder auch das österreichische, war nicht nett, das war nicht pittoresk. Die soziale Situation, aus der der Konflikt entsteht, wurzelt in der finanziellen Abhängigkeit, die Menschen dazu treibt, Dinge zu tun, die andere nicht tun würden. So gesehen ist Tiefland spannender als ein paar alte Männer, die um den Gral herumstehen und singen – wenn auch sehr schön singen."

Die sozialen Strukturen zwischen Tiefland und Bergeshöhen werden sich in der Volksoper im Einheitsraum einer Fabrik abspielen, erklärt Anselm Weber. "Der Chef ist pleite und braucht Geld. In dieser Situation versuche ich, die übrigen Figuren zum Leben zu erwecken." Die drei Dienstmägde nennt er die drei Hexen, "das sind Macbeth-Figuren, die Bösartigkeit schlechthin."

Sebastian Weigle, der die ungekürzte Fassung auf die Bühne bringt, fasst zusammen: "Wir haben das Stück moderat modernisiert." (Petra Haiderer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.10.2007)