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Foto: AP/Mori
Ist dies die letzte Versuchung des Al Gore? Lässt er sich von den Herren in Oslo erweichen? Nimmt er ein zweites Mal Anlauf aufs Weiße Haus?

Dass ihr früherer Vizepräsident den Nobelpreis bekam, interessiert die Amerikaner nur am Rande. Viel brennender interessiert sie, welche Schlüsse Gore aus der Ehrung zieht. Ob sie ihm den Rückenwind verleiht, den er braucht, um nach der herben Enttäuschung des Jahres 2000 doch noch einmal ins Rennen um die Präsidentschaft zu gehen.

An Zuspruch fehlt es nicht. Zwischen San Francisco und der South Bronx ist eine Bewegung entstanden, deren einziges Ziel ist, den Zaudernden umzustimmen. Draftgore.com heißt sie, was erstens Internet-Slang und zweitens ein Wortspiel ist und so viel bedeutet wie "Gore einberufen". "Amerika und die Welt brauchen einen Helden, jemanden, der das Übliche der Politik überschreitet", fleht die Gruppe, die bereits 136.000 Unterschriften gesammelt hat.

Dass der Umworbene nachgibt, darauf lässt momentan so gut wie nichts schließen. "Meine Liebe zur Politik ist erloschen", antwortet er gewöhnlich, wenn Fans ihn bestürmen. In dem Satz bündelt sich der ganze Frust, den der Mann in Bill Clintons Schatten empfand, weil ihm 2000 nur 537 Stimmen in Florida fehlten, um an George W. Bush vorbei ins Oval Office zu ziehen. Es ist aber auch ein Satz, in dem trotziger Triumph mitschwingt. Indem Gore seinen Ärger über das umstrittene Stimmenzähldrama herunterschluckte, schaffte er ein imposantes Comeback, und zwar jenseits der Mühlen von Washington. Ausgerechnet er, der Sohn eines Senators, von Kindheit an dazu erzogen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten: Seine Mutter brach einst seine Violinstunden ab, mit der Begründung, künftige Weltpolitiker müssten nicht Geige spielen.

Nicht nur zum Umweltguru wandelte er sich nach der 2000er-Niederlage, er wurde auch locker und witzig: "Hi, mein Name ist Al Gore, ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten." Er speckte ab, entspannte sich. "Ich fühle mich wie der Countrysänger, der 30 Jahre von Saal zu Saal tingelt, um dann über Nacht berühmt zu werden", sagte er neulich.

Im Duett mit dem Hurrikan "Katrina" schaffte es der Sohn eines Senators aus Tennessee, die Stimmungslage in seiner Heimat dramatisch zu ändern. Heute sind vier Fünftel der Amerikaner der Meinung, dass sofortiges Handeln geboten sei, um die Erdatmosphäre zu retten. Der Hit, mit dem der neue Star seinen Durchbruch schaffte, hieß "Eine unbequeme Wahrheit", ein Film über den planetarischen Ernstfall. Während das Meer auf der Leinwand im Zeitraffer die Straßenschluchten Manhattans erobert, tönt aus dem Off die sonore Stimme Al Gores. "Was auf dem Spiel steht, ist unsere Fähigkeit zu leben." (Frank Herrmann/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2007)