Al Gore ist das klassische Rollenmodell für Menschen, die nicht das geworden sind, was sie werden wollten – und die sich trotzdem aus der Depression herausgearbeitet und aus ihrem Leben noch einmal etwas gemacht haben.

In seinem Fall muss der Schlag doppelt schmerzhaft gewesen sein, denn bei den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 hatte er immerhin die Mehrheit an Stimmen. Das US-Wahlrecht, die Manipulationen der Republikaner bei der Zulassung von (angeblich oder tatsächlich vorbestraften) Schwarzen zur Wahl im Bundesstaat Florida, das relativ starke Abschneiden des „Grünen“ Ralph Nader in ebendiesem Bundesstaat und der Oberste Gerichtshof der USA kamen dann zusammen, um ihn die Wahlmänner von Florida und damit die Wahl selbst verlieren zu lassen.

Um es noch einmal zu sagen: Die paar zehntausend Stimmen, die an Ralph Naders „Eitelkeitskandidatur“ gingen, hätten vermutlich genügt, um Gore zum Präsidenten zu machen und der Welt Bush zu ersparen.

Aber das ist nicht das Thema dieser Kolumne (obwohl: Gore hätte die USA sicher nicht in die Katastrophe des Irakkrieges geführt oder vielmehr hineingelogen). Das Ermutigende an Gore ist, dass er mit Mitte 50 die Frage, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen soll, nicht in der klassischen Weise beantwortet hat: Selbstmitleid und sehen, was er im Vortragszirkus verdienen kann. Er hat sich hingegen neu erfunden, indem er ein Thema für ein globales Publikum aufgriff und aufbereitete. Er hat den Klimawandel nicht „erfunden“, sondern ihn „nur“ in das Bewusstsein der (angelsächsischen) Welt transportiert.

Gores Wirkung ist tatsächlich im englischsprechenden Teil der Welt am größten, weil dort der Umweltschutzgedanke noch am wenigsten verankert ist. Einem deutschen, österreichischen oder auch skandinavischen Publikum muss man vom Klimawandel nicht viel erzählen, bzw. bedarf es keiner großen Überredungskraft. Aber in der von der protestantischen Arbeitsethik und vom Glauben an Marktwirtschaft pur geprägten Welt – die gleichzeitig die Welt der internationalen Finanzmärkte und immer noch der globalen Konzerne ist – war es neu, was Gore mit seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“ predigte.

Der Friedensnobelpreis ist Gore auch als Ohrfeige gegen die Bush-USA verliehen worden (so wie der Preis an Ex-Präsident Jimmy Carter zuvor). Und als Anerkennung dafür, dass er von der radikalen Rechten, die in den USA derzeit an der Regierung ist, mit gewaltigem Hass und Verachtung verfolgt wurde.

Dazu kommt, dass sich Gore der Mechanismen der modernen globalen Kommunikation bedient hat. Ob er nun tatsächlich das Internet (mit)ermöglicht hat, seine Warnungen und Belege hätten ohne das Net – und die Diskussionsmöglichkeiten, die es bietet – niemals diese Verbreitung erlangt.

Gore, der nächste Woche als Gast der Telekom Austria in Wien sprechen wird, zeigt, wie man mit einer starken Botschaft, mit modernen Mitteln und einer guten Portion Hartnäckigkeit seinen Beitrag leisten und dabei sich selbst vor dem Absturz in das schwarze Loch der Karrierekrise retten kann.

Ich glaube nicht, dass er noch einmal kandidiert. Gore hat es zu weltweitem Ansehen und einer gewissen Bedeutung geschafft – während George W.Bush das Symbol für ein weltweit verhasstes Amerika wurde. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2007)