Ralf Südhoff: "Der Druck auf Hungernde wird weiter steigen."

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Nicht alles, was aus dem Zapfhahn fließt, löscht den Durst: Die steigende Nachfrage nach Biosprit und der damit verbundene Agrarboom lässt Lebensmittelpreise in die Höhe steigen.

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Die Aufregung um steigende Lebensmittelpreise ist in letzter Zeit groß gewesen. Was bedeuten diese jedoch für die Armen in aller Welt – und inwiefern hängen sie mit der globalen Biospritexpansion zusammen? Eine Zukunftsprognose zum heutigen Welternährungstag.

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Die Schlagzeilen nehmen kein Ende: Erst waren es explodierende Preise für Milch und Butter. Dann für Käse und Fleisch. "Nun auch noch Brot und Bier!", vermelden die Titelseiten vieler Tageszeitungen. Spätestens beim Bier hört bei vielen der Spaß auf. Weniger lesen wir davon, was all die Schlagzeilen für Millionen anderer Menschen bedeuten könnten.

Dass wir bisher beim Schimpfen über die rasant steigenden Nahrungspreise wenig über den eigenen Tellerrand schauen, dürfte auch an manch optimistischem Experten liegen: Nicht nur die Bauernverbände prophezeien, dass der Preisboom in Wahrheit ein Segen ist – vor allem für die Bauern in aller Welt und damit für die Ärmsten der Armen: Leben doch 70 Prozent der weltweit Hungernden auf dem Land!

Wie hoch die Erwartungen rund um den Agrarboom fliegen, zeigt sich nirgends besser als am Thema Biosprit: Er soll das kollabierende Klima, die attackierten Autofahrer und die darbenden Bauern zugleich erlösen. Schon erobert er die Zapfsäulen der Welt: In der EU soll sich der beigemischte Anteil im Benzin in den nächsten drei Jahren auf fast sechs Prozent verdreifachen; US-Präsident Bush will binnen zehn Jahren gar 20 Prozent des US-Ölverbrauchs durch Biosprit ersetzen.

Ethanol-Euphorie

Palmölplantagen in Indonesien und Malaysia boomen, Südafrika hat ähnlich ambitionierte Pläne wie die EU, Mozambik will bis zu 3,5 Millionen Hektar seines Farmlandes den Treibstoffen widmen, und alle schauen nach Brasilien: Am Zuckerhut fahren schon mehr als drei von vier Neuwagen mit Ethanol aus Zuckerrohr. Die "ethanol euphoria" zieht um den Globus. Wem aber wird der Agrarboom nutzen? Das UN World Food Programm versorgt als größte humanitäre Organisation der Welt jedes Jahr rund 90 Millionen Menschen mit Nahrungsmittelhilfe – doch über 850 Millionen Menschen gehen regelmäßig hungrig schlafen. Werden sie profitieren?

Beispiel Afrika: Die Armen in ländlichen Gegenden Afrikas sind in der Tat häufig Bauern – Subsistenzbauern. Ihre Ernte reicht meist nicht einmal für die eigene Familie, weshalb sie real Lebensmittelkäufer sind. Für große Investitionen fehlen ihnen häufig die Mittel wie auch die formalen Eigentumsrechte auf ihr Land – das mit dem Agrarboom kostbar werden könnte.

Die Folge: Statt zu profitieren, fürchten Experten eher Vertreibung und Marginalisierung von Kleinbauern durch Großinvestitionen. Statt zu florieren, müssen sie womöglich immer höhere Preise für zuzukaufende Nahrungsmittel, Saatgut und Dünger bezahlen. Ganz zu schweigen von den Millionen Armen, die keine Bauern sind: Zwischen 60 und 80 Prozent ihres mageren Einkommens mussten sie im Schnitt schon in der Vergangenheit für ihr Essen ausgeben, das meist auf Getreide aller Art basiert.

Und nun das: Seit Jahresanfang steigen die Weltmarkt-Preise für Nahrungsmittel dramatisch. Die globalen Getreidevorräte werden Ende des Erntejahres laut Prognosen auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren sein. Natürlich hängt das Agrarangebot auch stets von Wetterschwankungen ab, doch der Trend ist eindeutig: In den letzten acht Erntejahren war bis auf ein einziges Mal stets die globale Getreide-Nachfrage höher als das Angebot – die Ära der Nahrungsmittelüberschüsse geht zu Ende.

Dies ist für die Ärmsten der Armen eine dramatische Bedrohung – zumal es die Nahrungsmittelhilfe weltweit vor extreme Herausforderungen stellt: Nicht nur das UN-World Food Programm erreicht bei wachsendem Bedarf und explodierenden Kosten für Nahrung und Transport – plus 50 Prozent seit 2002 – immer weniger hungernde Menschen. Überdies stellt es viele Entwicklungsländer vor ganz neue Probleme: Gerade die ärmsten Entwicklungsländer sind zumeist große Nahrungsimporteure. Zweifellos: Langfristig könnten steigende Agrarpreise ein Segen sein für manche Bauern und Entwicklungsländer – wenn sie eine wettbewerbsfähige Agrarwirtschaft entwickeln können; wenn die nötige Infrastruktur vorhanden ist; wenn ein internationales Regime einen nachhaltigen Biosprit-Boom sicherstellen würde etc.

Kurz- und mittelfristig scheinen aber diese "Wenns" sehr viele zu sein – während sehr konkrete Trends schon bald den Druck auf die Hungernden und die Agrarpreise nochmal erhöhen dürften:
  • Durch zunehmende Wetter-Desaster wird laut UN-Weltklimarat der Ausstoß der Landwirtschaft in Afrika bis 2020 um fast 50 Prozent sinken.
  • Durch die globale Biosprit-Expansion werden Nahrungs- und Energiepreise künftig strukturell miteinander verwoben sein – bei Prognosen weiter steigender Energiepreise.
  • Hohe Energiepreise dürften die Konkurrenz über die Verwendung von Agrarflächen, Agrarinputs (z. B. Wasser) und die Ernten weiter verschärfen. Q_Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird durch Bevölkerungswachstum und größeren Wohlstand vor allem in asiatischen Ländern weiter wachsen.

    Brot oder Benzin?

    Die Folgen lassen sich am plastischsten erneut am Hoffnungsträger Biosprit illustrieren: Das renommierte Agrarinstitut IFPRI prognostiziert, dass auf heutigem technologischen Niveau in den nächsten Jahren allein durch eine aggressive Biosprit-Expansion die Agrarpreise zwischen 30 (Weizen) und 76 Prozent (Ölsaaten) weiter steigen könnten. Und das Agrarinstitut der University of Minnesota schätzt: Pro Prozentpunkt steigender Agrarpreise wird die Zahl der Hungernden im Schnitt um 16 Mio. Menschen zunehmen. Man muss solche naturgemäß vagen Schätzungen nicht unterschreiben, um zu ahnen: Wird der Agrarboom weiter angeheizt, dürften wir bald vor brisanten Fragen stehen wie zum Beispiel "Brot oder Benzin?".

    Welchen Preis wir dann zahlen müssen, haben deutsche Umwelt-Experten ermittelt: Im Ethanol-Tank eines Geländewagens stecken so viele Kalorien, wie ein Mensch ein Jahr lang zum Leben braucht. (Ralf Südhoff, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2007)