Bild nicht mehr verfügbar.

Macho-Mann ganz klein: Ex-Verteidigungsminister Irakli Okruaschwili widerrief Anklagen gegen den Staatschef. Die Georgier rätseln, warum.

Foto: EPA
Giorgi hält ihn für einen „verdammten Bastard“, Levan nur für einen Mann, der seine Macht überschätzt hat. Und Salome Surabischwili, die frühere Außenministerin, glaubt, Georgiens Rosen-Revolution vom November 2003 sei nun endgültig vom Weg abgekommen: „Wir stecken wieder mitten in einer sowjetischen Politik.“

Der dramatische Fall von Irakli Okruaschwili, seine unerhörten Anklagen gegen den Staatspräsidenten, seine schnelle Festnahme und schließlich sein reuevoller Widerruf im Fernsehen verstören in diesen Tagen zutiefst die Menschen in der Hauptstadt Tiflis und auf dem Land, wo die kriegerischen Töne des einstigen Verteidigungsministers immer gut ankamen.

Okruaschwili, der Macho-Mann, sitzt nun zu Hause – körperlich und mental geschädigt, wie seine Gefolgsleute berichten. Zehn Millionen Lari, umgerechnet 3,9 Millionen Euro, kostete seine Freilassung. Es ist die höchste Kaution, die der Staat jemals verlangt hat. Das Misstrauen der Bürger gegenüber den Ränkespielen an der Spitze aber, ließe es sich beziffern, ist um ein Vieles höher.

Giorgi, ein junger NGO-Mann, der die Tugenden des Europarats unter der georgischen Jugend verbreitet und mit seinen Gesinnungsfreunden die Lage in Georgiens chronisch überfüllten Gefängnisse zu dokumentieren versucht, gibt keinen Pfifferling mehr auf die Rosen-Revolutionäre von Staatschef Michail Saakaschwili.

Erniedrigung im TV

Levan, ein Wirtschaftsprofessor und Multiunternehmer, spricht vom Schaden und der „schwierigen Lage“, die durch die schnelle Reaktion des Staatschefs entstanden ist – offenbar persönlich kompromittierende Fakten, mit denen der Ex-Verteidigungsminister im Gefängnis konfrontiert worden war und die so schwer wiegend gewesen sein müssen, dass sich Okruaschwili nach nur zwei Tagen in Haft zu dem erniedrigenden Schauspiel eines öffentlichen Widerrufs hergab.

1977 gab es das zuletzt, so erinnern sich nun manche in Tiflis. Damals war der Dissident und spätere nationalistische Präsident des unabhängigen Georgiens, Swiad Gamsachurdia, vom KGB verhaftet worden. Gamsachurdia wurde zu drei Jahren Arbeitslager in Sibirien und drei Jahren Verbannung verurteilt. Dann übte er öffentlich Selbstkritik und verkürzte damit seine Strafe – für die Bürgerrechtler in der Sowjetunion ein Schock. Die Praxis der öffentlichen Demütigung politischer Gegner dauert fort. Nach der Orangen Revolution in der Ukraine verliert jetzt auch Georgiens friedlicher Machtwechsel seinen Mythos.

Bulliger Volkstribun

Im November 2003 war es, als Saakaschwili, der bullige Volkstribun, in eine Parlamentssitzung gestürmt war, Rosen in der Hand, und den damaligen Präsidenten Eduard Schewardnadse nach manipulierten Wahlen zum Rückzug zwang. Alle haben sie Dreck am Stecken, sagt Giorgi nun, die Korruption steckt diesen Ministern in den Knochen, die mit Mitte 20 Karriere machten, weil die Revolution ihnen die Türen zur Macht geöffnet hatte. Doch ein Sieg Okruaschwilis über seinen langjährigen Förderer Saakaschwili wäre noch viel fürchterlicher gewesen.

Okruaschwili, der „Falke“ in der georgischen Regierung, der zweistellige Rüstungssteigerungen für die Armee anordnete und Russland und den Separatisten im Land den Kampf ansagte, bis es der USA und der EU zu gefährlich wurde und sie im vergangenen Jahr mit Erfolg auf seine Ablösung drängten – dieser Okruaschwili hatte mit einem Mal viel zu sagen, als er Anfang Oktober sein politisches Comeback mit einer Pressekonferenz eröffnen wollte: Saakaschwili habe ihn mit der Ermordung von Georgiens reichstem Mann – Badri Patarkatsischwili – beauftragt, behauptete der 34-Jährige; der Unfalltod von Regierungschef Surab Schwanija im Februar 2005 sei fingiert worden; Saakaschwili habe interveniert, als Okruaschwili als Innenminister den Onkel des Präsidenten wegen Korruptionsverdachts verhaften wollte.

Saakaschwili, der mit einer Vier-Fünftel-Mehrheit das Parlament dirigiert, nützt indes öffentlich übertragene Kabinettssitzungen, um seine Minister zu rügen. Wie ist es zu dieser autoritären Wende in Georgien gekommen? „Ich habe keine Antwort darauf“, sagt Salome Surabischwili. Ihr Cockerspaniel läuft durch das Parteibüro, dreht eine Runde im Nebenzimmer, kommt wieder zurück. „Wie haben wir es nur geschafft, diesen revolutionären Moment zu verpatzen?“ Dann hat sie doch eine Antwort: Die Macht ist Saakaschwili und seinen Männern zu Kopf gestiegen. „Ein Jahr Studium im Westen macht eben noch keinen Demokraten.“ (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2007)