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Thom Yorke und seine im britischen Oxford ansässige Band Radiohead haben 2007 künstlerisch nicht gerade viel Neues zu bieten. Auf dem Album "In Rainbows" wird einmal mehr sehr ausführlich der Schmerz privilegierter weißer Männer verhandelt.

Foto: Benoit Tessier/Reuters
Neben all den damit verbundenen Grabgesängen auf die Musikindustrie vergisst man leicht auf die darauf enthaltene Musik. Auch hier: Krise!

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Wien - Radiohead, eine der letzten verbliebenen kommerziell wie künstlerisch relevanten Bands dieses Planeten, haben jetzt mit ihrem neuen Album, In Rainbows, zumindest noch vorläufig über Großkonzerne abgewickelte Veröffentlichungspraktiken hinter sich gelassen.

Sie publizieren nach dem Album Hail To The Thief und viereinhalb Jahren anschließender Pause bis zur ebenfalls über die eigene Homepage auf per Vorbestellung beruhender Pressung eines 40 britische Pfund teuren Pakets, das ab 3. Dezember neben der CD In Rainbows auch exklusiv als Bonus erhältliche Songs, die Vinylfassung sowie Poster und Schnickschnack beinhalten soll, einstweilen lieber exklusiv über die eigene Homepage. Diese funktioniert nach anfänglichen, tagelangen Zusammenbrüchen wegen des Massenansturms mittlerweile auch tadellos: www.inrainbows.com.

Und mit kolportierten 1,2 Millionen Downloads in der ersten Woche seit der Freigabe zum Brennen dürfte die Band aus dem britischen Oxford vordergründig nicht ganz falsch liegen. Gerade wenn es darum geht, in der gegenwärtig wegen illegaler Downloads sterbenden Musikindustrie das Verhältnis zwischen höchstens zehn Prozent Gewinn für die Musiker zu 90 Prozent Fixkosten für Press- und Personalkosten, Werbung und Vertrieb sowie nicht näher definierter Gewinne seitens der Plattenfirma exakt umzudrehen.

Computer sind OK

Zwar stellen Mastermind und Sänger Thom Yorke und seine vier Kollegen den geneigten Downloadern frei, wie viel jeder einzelne Konsument für das Album bereit ist zu zahlen. Mit einem bisherigen Durchschnittserlös von knapp sechs Euro pro Download dürfte In Rainbows aber schon jetzt zum zumindest für Musiker - als bisher letzten "Gliedern" in der Gewinnausschüttung - erfolgreichsten Album der letzten Jahre wachsen.

Neben all der auch in dieser Zeitung verbreiteten Euphorie bezüglich einer für eilige, nicht die frechen Fantasiepreise für reguläre CDs im Handel zahlungswillige Kunden eigentlich längst erfolgten Aushebelung althergebrachter Vertriebswege über (illegale) Tauschbörsen, sollte man im konkreten Fall allerdings auch einmal über die Musik reden, die von Radiohead 2007 über ach so neue elektronische Kanäle verbreitet wird.

Und hier ist nach einstigen künstlerischen Großtaten von Radiohead wie dem Opus magnum OK Computer 1997 und der anschließenden Flucht in sperrige, die Grenzen von Song und Massentauglichkeit zwischen knatternden und rasselnden Computer-Sounds und waidwundem Sentiment erkundender Avantgarde auf den anschließenden Fluchten Kid A oder Amnesiac auf jeden Fall Skepsis angesagt.

Immerhin klingt In Rainbows trotz der gewohnt kryptischen Texte Thom Yorkes im Bannkreis gelassener Verzweiflung und freudloser Heiterkeit nach dem holpernden und stolpernden Opener 15 Step nicht nach radikaler, Haken schlagender Neuorientierung - oder auch nur nach einem Befreiungsschlag angesichts fehlenden Drucks einer Plattenfirma, die hier eventuell Ängste bezüglich der Verkäuflichkeit radikaler Sounds einer Millionenband anmelden wollte.

Radiohead haben sich mit gitarrenlastigen und Rock in Spurenelementen beschwörenden Liedern wie Bodysnatchers, keyboardlastigen Schmerzensballaden wie Nude, verhallten Masochismen wie All I Need ("I'm an animal trapped in your hot car ...") oder dem abschließenden, über ein tastendes Klavier kommunizierten Abschiedsschmerz auf Videotape ("This is my way to say goodbye, because I can't do it face to face. I'm talking to you after it's too late - from my videotape") konventionell hörbar zusammengerissen. Sie haben auf Nummer sicher produziert.

Radiohead legitimieren auf In Rainbows Leid auf hohem Niveau. Es ist das Leid privilegierter weißer Männer. Neu ist nur der Vertriebsweg. Nicht die musikalische Austreibung altbewährter Dämonen. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 10. 2007)