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Viele Unternehmen haben Angst davor, neue EigentümerInnen an Bord zu holen, weil sie fürchten, dass ihnen die Kontrolle entgleiten könnte. Mit neuen AnteilshaberInnen ist aber auch frisches Eigenkapital verbunden,...

Foto: APA/Pfarrhofer

...und das hätten fremdkapitallastige Unternehmen auch dringend nötig, meint Wirtschaftsprüfer Christian Ludwig

Seit 18. Juni können KMU mit geringeren Hürden im neuen mid market-Segment der Wiener Börse notieren - drei Unternehmen haben diese Chance bis jetzt genützt. Der mid market solle vor allem Unternehmen mit geringerem Kapitalbedarf ansprechen, hieß es beim Start des Segments. Welchen Betrieben von einem Börsegang abzuraten ist und welche unbegründeten Ängste viele andere Unternehmen noch davon abhalten, erklärt Christian Ludwig von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO Austria im derStandard.at-Interview

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derStandard.at: Für welche Klein- und Mittelbetriebe ist ein Börsegang überhaupt realistisch?

Ludwig: Für Wachstumsbetriebe, aber auch für Betriebe, die einen Nachfolger suchen – also die klassischen Familienbetriebe.

derStandard.at: Die klassischen Familienbetriebe sind aber nicht unbedingt das, was man unter einem aufstrebenden Wachstumsbetrieb versteht.

Ludwig: Das kommt ganz darauf an. Manchmal sind es Unternehmen, die in einer Nische positioniert sind und gute Entwicklungspotenziale haben. Wenn man einen stark expansiven Kurs hat und Risikokapital braucht, das Verluste abpuffert, dann sollte man intensiv darüber nachdenken, sich finanziell zu öffnen. Das gilt auch für Unternehmen mit sinkender Bonität, für die das Fremdkapital teurer wird: Da müsste man überlegen, ob es Zeit für einen weiteren Aktionär wird. Dann muss man zwar den Erfolg mit anderen teilen - dafür aber auch das Risiko.

derStandard.at: Was sind bestehende Ängste vor einem Börsegang?

Ludwig: Die Hauptangst ist vermutlich, dass man nicht mehr alles unter sich ausmachen kann, sondern Rücksicht auf andere Aktionäre nehmen muss. Man hat andere Eigentümer, die unkalkulierbar sind, man weiß ja nicht, wer das sein wird: Das kann Streubesitz sein, wo Einzelaktionäre womöglich ein Mal im Jahr zur Hauptversammlung kommen, sich das anhören und wieder gehen. Und es kann auch sein, dass sich ein Konkurrent ein kleines Paket sichert oder unangenehme Aktionäre dazukommen, die ständig Forderungen stellen.

derStandard.at: Das klingt so, als würden Private Equity-PartnerInnen an Unternehmen herantreten und ihnen einen Börsegang anbieten, und die Unternehmen lehnten ab. Ist es nicht in der Realität umgekehrt – dass Unternehmen Eigenkapital suchen, es aber nicht finden?

Ludwig: Nein, es gibt genügend Private Equity-Partner in Österreich. Und oft ist es auch so, dass sie an Unternehmen herantreten, weil sie sehen, dass der Geschäftsführer ein gewisses Alter erreicht hat und ein Nachfolgebedarf besteht. Da sind es schon oft die Unternehmen, die ablehnend reagieren.

derStandard.at: Könnte es auch die Angst des/der GeschäftsführerIn um den eigenen Job sein, die manche Unternehmen vor einem IPO zurückschrecken lässt?

Ludwig: Das sehe ich nicht so, weil gerade beim Börsegang der Geschäftsführer unabkömmlich wird. Sein Wechsel während der IPO-Phase und auch kurz danach schafft bei den Aktionären massive Verunsicherung. Ich würde sogar sagen, für den Geschäftsführer wäre der Börsegang eine Absicherung. Deshalb versucht man ja auch oft, das Top Management mit Mitarbeiterbeteiligungen ans Unternehmen zu binden.

derStandard.at: Welche Risiken sehen Sie bei einem KMU-Börsegang?

Ludwig: Einerseits, dass ein angekündigter Börsegang dann nicht rechtzeitig vorbereitet wird – das ist der SuperGAU, der einem passieren kann. Andererseits ist man ja abhängig von externen Einflüssen. Niemand weiß, ob es wieder einen 11. September gibt, wo dann möglicherweise kurzfristig alles abgeblasen werden muss, weil niemand mehr investieren möchte.

derStandard.at: Sind es immer Private Equity-Fonds, die einen Börsegang in die Wege leiten?

Ludwig: In der klassischen Form ja. Für den Private Equity-Fonds ist die Börse ein willkommener Exit, bei dem man seine Anteile dann – hoffentlich mit Gewinn - wieder verkaufen kann. Alternativ dazu kann man jetzt im Mid Market Segment mit einem professionellen Berater, dem sogenannten Capital Market Coach, diesen Schritt überspringen und direkt an die Börse gehen.

derStandard.at: Wie viel kosten die Vorbereitungen auf einen Börsegang?

Ludwig: Da kommt es darauf an, was die Aufgabenstellung ist. Ein Beispiel: Wenn jemand schon IFRS-Bilanzierung und -Reporting eingerichtet hat, dann wird er in diesem Bereich kaum Beratung zukaufen. Wenn jemand gerade einmal einen Jahresabschluss selbst erstellt, dann wird der Beratungsaufwand entsprechend groß sein.

derStandard.at: Welchen KMU würden Sie von einem Börsegang abraten?

Ludwig: Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn man ein Produkt mit großen Chancen und großen Risken hat, das aufgrund seines Risikoprofils ungünstig bewertet werden könnte, sollte man besser nicht an die Börse gehen. Außerdem sollte ein Unternehmen genügend Marktphantasien erzeugen.

derStandard.at: Wie groß sollte ein Unternehmen sein, um realistischerweise an einen Börsegang denken zu können?

Ludwig: Man wird zwei Leute an der Spitze brauchen, damit das Vier-Augen-Prinzip gewahrt bleibt. Auch in der zweiten Ebene wird man entsprechende Besetzungen brauchen – im Rechnungswesen, in der Steuerabteilung, der Rechtsabteilung. Allein die nötige Teamgröße in der Führungsmannschaft würde ich schon einmal auf sechs bis acht Personen schätzen.

derStandard.at: Wie viel Zeit muss man für einen Börsegang einplanen?

Ludwig: Ein gut aufgestelltes Unternehmen wird schon in ein paar Monaten börsefit sein. Wenn man hingegen erst Strukturen schaffen, eine AG gründen, Immobilienbesitz vom Operativen trennen muss -.dann wird man vermutlich ein Jahr oder länger brauchen.

derStandard.at: Welche Veränderungen im Management sollten KMU vornehmen, um sich für die Anforderungen der Eigenkapital-GeberInnen zu rüsten?

Ludwig: Es müssen genügend Ressourcen vorhanden sein, weil das Management mit wesentlich höheren Anforderungen konfrontiert wird. Es ist sicher von Vorteil, wenn man erfahrenes Management von Unternehmen zukauft, die diese Öffentlichkeit schon haben, also börsenotierte Unternehmen mit Streubesitz.

derStandard.at: Was sind denn die wichtigsten Anforderungen, die mit einem Börsegang auf das Unternehmen zukommen?

Ludwig: Einerseits die Öffentlichkeitsarbeit, die Berichterstattung, die rechtlichen Rahmenbedingungen wie Insider Trading, Informationspflichten in der Kommunikation, und vieles mehr. Üblicherweise wird man im Rechnungswesen aufstocken müssen, wahrscheinlich auch im Bereich der Rechtsabteilung.

derStandard.at: Die österreichischen InvestorInnen gelten als eher risikoscheu. Spricht das nicht gegen ein florierendes Mid Market Segment in Wien? Konservative AnlegerInnen investieren doch eher in große, bekannte Namen und nicht in Mittelbetriebe.

Ludwig: Das hängt wohl eher von Branchen ab als von Namen: Einem Anlagenbauer wird man eher konstante Ergebnisse zutrauen als einem New Economy-Unternehmen. Ich glaube, dass solide Unternehmen, die in den Mid Market gehen, durchaus gefragt sind. (mas, derStandard.at, 22.10.2007)