Waldorfschulen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von staatlichen Schulen. Unter anderem auch im Mobiliar. Im Bild: Die Ausstattung eines "bewegten Klassenzimmers".

Foto. waldorfschule klagenfurt
"Bei uns gibt es keinen Direktor, denn Waldorfschulen sind gemeinschaftlich geführte Schulen", heißt es aus dem Sekretariat der Rudolf Steiner-Schule Klagenfurt. Nicht nur in der Organisation unterscheiden sich Waldorfschulen von staatlichen Schulen. Auch die Lehrinhalte und Lehrmethoden sind anders. Da sitzen Kinder in den Unterstufen-Klassen auf Kissen anstatt auf Sesseln. Statt Ziffernnoten gibt es am Ende eines Schuljahres verbale Beurteilungen. Und Fächer wie Gartenbau, Musik und Religion haben den gleichen Stellenwert wie Mathematik, Deutsch und Englisch.

Ein Platz in einer Waldorfschule kostet monatlich um die 300 Euro. Was für staatliche Schulen oft diskutiert wird, ist in der Waldorfschulen Realität: Hier gibt es kein Sitzenbleiben. Dass eine heile Welt vorgegaukelt wird und die Schüler im "echten Leben" nicht bestehen können, sind im Zusammenhang mit Waldorfschulen oft genannte Kritikpunkte.

Epochenunterricht

Die Rudolf Steiner-Schule Klagenfurt versteht sich als Gesamtschule. Vom sechsten Lebensjahr bis zur Matura wird hier Unterricht gemäß Waldorfpädagogik angeboten. Charakteristisch ist der sogenannte Epochenunterricht, der sich durch alle Schulstufen - Unter- Mittel- und Oberstufe - zieht. Der Epochenunterricht findet in den ersten 90 Minuten eines Schultages statt. Über einen Zeitraum von etwa drei Wochen wird täglich das gleiche Fach unterrichtet. Epochenfächer sind etwa Rechnen, Lesen, Schreiben oder in den höheren Stufen auch Geographie, Geschichte, Physik und Chemie. "Die Schüler können so sehr intensiv einen Gegenstand durcharbeiten", erklärt Rosmarie Bluder, Mitglied der Schulleitung und Lehrerin an der Waldorfschule in Klagenfurt.

Zwei Fremdsprachen ab der ersten Klasse

Der Epochenunterricht wird vom Klassenlehrer oder von der Klassenlehrerin durchgeführt. Dieser Lehrer oder diese Lehrerin begleitet die Schüler die ersten sechs Jahre - in manchen Schulen auch über die ersten acht Jahre. Bereits ab der ersten Klasse werden die Schüler einer Waldorfschule in zwei Fremdsprachen unterrichtet. Neben dem Epochenunterricht nimmt die Kreativerziehung einen ebenso wichtigen Stellenwert ein. "Das ist den Schülern gegenüber fairer. Oft bekommt man den Eindruck, Schule bestünde nur aus Deutsch, Mathematik und Englisch", kritisiert Bluder. Die Waldorfschule soll jedoch Kopf, Herz und Hand ansprechen, erklärt die Pädagogin.

Insgesamt werde an einer Waldorfschule auf einen ausgewogenen Tagesablauf großen Wert gelegt. "Der Bewegungsdrang wird in den Unterricht miteinbezogen", sagt Bluder. Dem Bewegungsdrang der Kleinsten versucht man in den ersten beiden Schuljahren durch das "bewegte Klassenzimmer" gerecht zu werden. Anstatt klassischer Schulmöbel gibt es kleine Bänke, die je nach Bedarf als Tisch oder Turngerät genutzt werden können. Sowohl Lehrer als auch Schüler sitzen während des Unterrichts auf Kissen.

Heile Welt

Gaukelt man den SchülerInnen nicht eine heile Welt vor. Können sie im harten Berufsleben bestehen? "In der Unterstufe ist es wichtig, dass sich die Kinder geborgen fühlen und ein Zuhause haben. Nur wenn die Kleinen Wurzeln schlagen können, können sie auch ein Selbstbewusstsein entwickeln", entgegnet Bluder. Für die SchülerInnen der Oberstufe sei es jedoch wichtig, eigenständig zu werden. Dies werde auch gezielt gefördert, etwa durch Pflichtpraktika, die auch im Ausland absolviert werden können. Das Klientel der Waldorfschule beschreibt sie als "Leute, die selbst sehr kritisch im Leben stehen, und das sind keineswegs nur Reiche". Das Schulgeld kann in Ausnahmefällen erlassen werden, beziehungsweise können Eltern auch um Schülerbeihilfe ansuchen.

Den Schülern auch andere Lebenswelten zu eröffnen, scheint jedenfalls ein Bestreben der Kärntner Waldorfschule zu sein. Im Herbst werden die 15 bis 17- Jährigen in ein zweiwöchiges Pflichtpraktikum entsendet. "Ausschließlich bei Biobauernhöfen sollen sie das Leben und die Sorgen der Bauern kennen lernen und sich in ihren Alltag einklinken", sagt Bluder. (Katrin Burgstaller/ derStandard.at, 15. November 2007)