Nach getaner Arbeit in der Lehrwerkstatt geht es ab nach Hause oder ins ÖBB- Lehrlingsheim. Dort kümmert man sich nicht nur am "Tag der Lehre" um das Wohl der Lehrlinge.

Foto: ÖBB
Wien - "ÖBB Lehrlingsheim Wien" kündigt ein klassisches Bahnhofsschild in Blau-Weiß das Gebäude, schräg gegenüber vom Unfallkrankenhaus Meidling, an. Der mehrstöckige Bau aus den späten 70ern liegt versteckt hinter einer Allee, im Windfang lehnen ein paar Jugendliche, sie rauchen und reden.

An einem der drei Wuzeltische in der Eingangshalle, wird gemütlich gespielt, daneben auf den Couchen, sitzen zwei Mädchen und schwatzen. Eva Maria Winkler (16) und Daniela Thill (17) sind derzeit die einzigen Mädchen im Heim. Sie sind im ersten Lehrjahr und neu in Wien. Gefragt nach Heimweh lachen beide kurz auf. "Nein, ich wusste ja, dass die Ausbildung in Wien sein wird", antwortet Thill pragmatisch. Die Elektroinstallationstechnikerin in spe, stimmt lachend zu als Winkler, eine angehende Mobilitätsservicekauffrau, ergänzt: "Das Ausziehen hat ja auch seine Vorteile."

Voraussichtlich werden sie die nächsten dreieinhalb Jahre hier verbringen. Ihr gemeinsames Zimmer haben sie mit Postern und persönlichen Fotos gestaltet, sie bewohnen das dritten Stockwerk alleine, für die Burschen ist es tabu.

"Mehr ein Zuhause"

"Heim, das klingt oft etwas negativ, aber wir sind mehr ein Zuhause in der Lehrzeit." Leiter Karl Weninger entschuldigt sich fast für das Wort Heim. Im 204 Betten fassenden Haus leben derzeit 80 Jugendliche zwischen 15 und 19, die ihre Lehre größtenteils in einer der drei Wiener ÖBB-Lehrwerkstätten in der Innstraße, Floridsdorf oder Penzing absolvieren. Der Heimweg in die Bundesländer würde sich unter der Woche nicht lohnen, für 150 Euro kann ein Bett in einem der Dreierzimmer in Anspruch genommen werden.

"Seit hier Mädchen leben ist die Atmosphäre eine andere", sagt Weninger und schmunzelt. Der Alltag im Heim, das seit 1979 etwa 1350 Lehrlinge beherbergt hat, beginnt um 5.15 Uhr mit dem Frühstück, danach geht es zur Lehrstelle.

Eva Maria Winkler lernt derzeit in einem Call Center, sie hat eine abwechslungsreiche Lehrzeit, da sie alle zwei Monate zwischen den Dienststellen wechselt. Gerald Forster (16), Kommunikationstechniker im zweiten Lehrjahr ist stolz darauf bei der Bundesbahn zu lernen, denn "wir ÖBB-Lehrlinge haben einen guten Ruf". 75 Prozent bleiben nach dem Lehrabschluss bei der Bahn, der Rest sei gut vermittelbar, betont Weninger, der selbst im Wiener Heim gewohnt hat und 1985 die Maschinenbau-Lehre absolvierte: "Ich kenne die Sorgen und Wünsche der Bewohner".

Ein Swimmingpool fehlt

Die Lehrlinge nicken und Andreas Premm (19) ergänzt: "Man hilft sich hier, egal ob beim Lernen oder wenn jemand neu ist." Dem fast fertigen Mechatroniker fehlt nur ein Swimmingpool, sonst biete das Heim großen Komfort. Fußballhalle und Sauna, Billardtische, Kinoraum mit einem Beamer für DVDs und Fußballmatches, oder die enorm große Modelleisenbahn im Keller. Die mit Palmers-Plakaten ausgeschmückte Kraftkammer nützen die Burschen, "zum Abschalten", und im Clubraum wird am Feierabend auf Couchen entspannt.

Die Freiwilligkeit des Angebots schätzen alle sehr, denn man könne wählen was Spaß macht, etwa in die Stadt zu gehen. "Mariahilfer Straße" ruft Eva Maria Winkler, gefragt nach ihrem Lieblingsort. Sie mag dass "alle von wo anders sind, da lernt man neue Menschen kennen". Daniela Thill sagt: "Es gibt hier eine gute Gemeinschaft." (Georg Horvath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.10.2007)