Es gibt genügend Menschen, die von ihren Gebrechen einfach nichts wissen wollen. Eigentlich müssten sie ja erkennen, dass es höchste Zeit wäre, einmal gründlich nachschauen zu lassen, was alles nicht in Ordnung ist. Doch sie ignorieren das, solange es nur irgendwie geht. Und wenn es dann eines Tages nimmer geht, ist es oft schon zu spät. Viel Geld wird ausgegeben, um Vorsorgeuntersuchungen zu propagieren – doch wie viele gibt es, die gar nicht auf die Idee kommen, dass sie gemeint sein könnten.

Ähnlich ist der Zustand dieser Stadt. Es sind Wunden, die unsere Vorfahren in den urbanen Organismus geschlagen haben. Immer wieder kommt es vor, dass Hausbesitzer ganz harmlos erklären, ihr Heim sei seit etwas mehr als 60 Jahren in Familienbesitz und nicht einmal nachdenken, was damals in dieser Stadt gerade vorging. Und dann stellt sich heraus, dass der stolze Familienbesitz arisiert war, Nazi-Raubgut oder den Vertriebenen für einen Bettel abgepresst.

Jahrzehntelang wollten auch die Politiker von diesem Gebrechen nichts wissen, haben das Dritte Reich für erledigt angesehen, den Zustand der Stadt gesundgebetet. Sehr, sehr lange war verdrängt worden, dass das geschehene Unrecht immer noch Realität ist, in der Stadt immer noch fortlebt und fortgesetzt wurde.

Daher ist es einerseits zu würdigen, dass endlich genau nachgeschaut wird. Dass wenigstens versucht wird, wenn nicht zu heilen, dann doch zu lindern. Für viele ist das eine allzu späte städtische Nachsorgeuntersuchung. Einige müssen feststellen, dass in der Zwischenzeit auch einiges metastasierte. Dass es das, was ihnen genommen wurde, in dieser Form nicht mehr gibt.

Die Opfer der Nazis und ihre Nachfahren haben ein Recht, wieder zu bekommen, was ihnen genommen wurde. Und zwar in der gleichen Wertigkeit. Das muss im Zuge des Restitutions-Prozesses ein unumstößlicher Grundsatz sein. Sonst könnte es passieren, dass man sozusagen nach der Anamnese feststellt: Es schaut leider schlimm aus. Aber ich könnte Ihnen ein Aspirin anbieten. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD; Printausgabe, 20.10.2007)