Nicht einmal eine Straßenkatze würden sie den Türken liefern, replizierte der irakische Präsident Jalal Talabani am Sonntag in der nordirakischen Stadt Erbil die Aufforderung der türkischen Regierung, die PKK-Führer im Irak an das Nachbarland auszuliefern. Und während in Bagdad das Parlament die kurdischen Kämpfer zumindest darum bat, das Land zu verlassen, meinte der Präsident der kurdischen Autonomiezone im Nordirak, Massud Barzani, selbstbewusst: Die PKK sei keine Terrororganisation, und die irakischen Kurden würden sich im Falle eines türkischen Angriffs verteidigen. Kurz zuvor hatte die PKK den seit Jahren größten Angriff gegen türkische Soldaten in der Provinz Hakkari durchgeführt, dutzende Menschen kamen dabei ums Leben.

Die Situation an der türkisch-irakischen Grenze eskaliert. Denn offenbar hat es die PKK geschafft, die Regie in der Krisensituation zu übernehmen. Einerseits hat sie die türkische Regierung so provoziert, dass diese bereit ist, sich in ein militärisches Abenteuer zu begeben und eine Offensive im Nordirak mit unabsehbar gefährlichen Folgen durchzuführen. Die PKK erhofft sich davon ein Wiedererstarken ihres politischen Einflusses in der Türkei. Bei den Wahlen hatten ja viele türkische Kurden für die AK-Partei des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan gestimmt und damit auch nationalistischen Bewegungen eine Absage erteilt. Andererseits profitiert die PKK davon, dass die irakische Regierung in Bagdad keinen Einfluss auf die Kurdenregion hat und die Amerikaner trotz der steigenden Gefahr nicht gewillt sind, gegen die PKK vorzugehen.

Das ist fatal, denn Erdogan, der anders als die kemalistische Opposition sicher nicht zu den Kriegstreibern gehört, hat wohl darauf gesetzt, dass die USA doch noch die Initiative ergreifen. Nun findet er sich in einem Bedrohungsszenario wieder, das er zwar selbst aufgebaut hat, aber nicht mehr steuern kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2007)