Trotz Schwerarbeit werden die meisten auch dann nicht früher in Pension dürfen, wenn sich die Roten durchsetzen.

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Wien – Drei oder vier Jahre, länger hält Ferdinand Milchrahm nicht mehr durch. „Die Gelenke schmerzen“, sagt er, gerade nach diesen feuchten Herbsttagen am Gerüst. Eben ist Milchrahm, 55 Jahre, weißes Haar, von seiner Baustelle in Simmering nach Hause gekommen, ins Arbeiterheim in der Favoritener Hebbelgasse. Ein Zweierzimmer teilt der Pendler aus dem steirischen Vorau dort unter der Woche mit einem Kollegen. Metallbett, grauer Spind, Plastikboden, Kühlschrank, Fernseher, sonst nichts, seit 25 Jahren. „Man findet sich halt ab“, sagt Milchrahm.

Von derartigen Schicksalen erzählen Politiker gerne, wenn sie ihr soziales Herz zeigen wollen. Die Sozialdemokraten, aber auch Vertreter der ÖVP fordern deshalb die Verlängerung der so genannten „Hacklerregelung“, die Menschen mit einem besonders langen Berufsleben einen früheren Pensionsantritt erlaubt (siehe unten). Damit Schwerarbeiter wie Milchrahm für ihr Schuften belohnt werden.

Oder? „Ich hab von der Hacklerregelung nix“, sagt Milchrahm. Zuviele Monate war er arbeitslos, die nötigen 45 Beitragsjahre für die Versicherung, um bereits mit 60 in Rente zu dürfen, bekommt er nicht zusammen. Typisch für Bauarbeiter, die im Winter mangels Aufträgen oft stempeln gehen. Von den 100 Männern, die das Heim des Branchenriesen Strabag in der Hebbelgasse bewohnen, kämen nach Schätzung des Betriebsrates höchstens 15 in den Genuss des begehrten Privilegs.

Eduard Halper wäre einer der Glücklichen – aber nur, wenn die Hacklerregelung verlängert wird. Der Südburgenländer erreicht erst in sieben Jahren den Sechziger, nach dem Willen der ÖVP-Spitze soll der umstrittene Passus da längst Geschichte sein. „Bis 65 schaff ich ’s aber nicht“, sagt Halper, der als Baggerfahrer vor allem im Gleisbau arbeitet. Ein Job, der hohe Konzentration verlangt, wie er erzählt: „Weil du da leicht die Hochspannungsleitung erwischen kannst.“

Viele Nachtschichten hat Halper, seit 1978 im Arbeiterheim, abgespult. Das habe ihm den Vorteil eines Einzelzimmers eingebracht, aber auch einen Herzinfarkt, an dem die vielen Zigaretten freilich auch nicht ganz schuldlos waren. „Ich glaub nicht, dass mich die Firma ins Büro setzt, wenn ich einmal nicht mehr am Bau stehen kann“, befürchtet Halper.

Keiner schafft’s bis 65

Kreuzschmerzen, Rheuma, Bandscheibenvorfälle, Hüftprobleme: Kein Bauhackler, der nicht über Verschleißerscheinungen klagt. Wer deshalb in der Künette Schmerztabletten einwerfe, werde aber gleich schief angeschaut – und als Auslaufmodell abgestempelt. „Der Leistungsdruck ist gestiegen“, sagt der Baggerfahrer Halper: „Trotzdem verdien ich heute weniger als 1995. Schreiben S’ das!“

Niemand in der Hebbelgasse traut sich zu, bis zum gesetzlichen Pensionsalter von 65 durchzuhalten. Doch die Alternativen sind wenig verlockend. Die Schwerarbeiterregelung, die eine Frühpension mit Einbußen erlaubt, ist vielen Bauarbeitern wegen restriktiver Bestimmungen ebenso verschlossen wie die Hacklerregelung. Bleibt die Invalidenrente, die im Schnitt 758 Euro pro Monat ausmacht. Oder eben die Arbeitslose.

Mit Krücken am Bau

„Sollen wir mit Krücken auf den Baustellen herumklettern?“, ärgert sich Reinhold Heinzl im von Neonröhren ausgeleuchteten Aufenthaltsraum. Noch turnt der 45-Jährige an den Fassaden von Wohnblöcken entlang, „doch wenn ich erst über 50 bin, wird mich für 2000 Euro keine Firma nehmen, wenn sie für 1000 Euro einen Jungen aus dem Osten haben kann“. Die drohenden Stempelzeiten würden deshalb auch ihm die Hacklerregelung verbauen: „Mir bringt die nichts.“

Da schaltet sich Betriebsrat Felix Storer ein. „Ich muss sagen, dass wir trotzdem die Hacklerregelung fordern“, meint er: „45 Jahre Arbeit sind auch im Büro genug. Rücken wir davon ab, hilft das nur dem Bartenstein.“ Damit künftig auch Bauarbeiter profitieren, müssten Arbeitslosenzeiten für die Hackleregelung angerechnet werden.

Bartenstein, der schwarze Wirtschaftsminister, solle sich einmal am Bau blicken lassen, schimpft Storer, um zu wissen, wovon er rede. „Traurig“ findet der Betriebsrat aber auch, dass beim Kampf um die Hacklerregelung derzeit ÖVP-Gewerkschafter das Wort führten: „Höchste Zeit, dass die Roten auf den Tisch hauen.“ (Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2007)