Ein junger Afrikaner oder Inder, der mit dem Gedanken spielt, nach Europa auszuwandern, muss sich über die Gegebenheiten auf dem Kontinent wundern. Wenn er hier Drogen handeln oder andere Verbrechen begehen will, dann macht es ihm die EU sehr leicht: Er kann ohne jede Kontrolle von Land zu Land reisen und dabei jederzeit untertauchen.

Will er aber arbeiten und gar eine Familie gründen, dann stößt er auf kaum überwindbare Hürden. In ihrem Bestreben, nur ja nicht toleranter als die Nachbarn zu erscheinen, weil dies als Magnet für die einwanderungswilligen Massen wirken würde, haben die meisten Staaten in den vergangenen Jahren ihre Einwanderungs- und Asylgesetze bis hin zur offenen Fremdenfeindlichkeit verschärft.

Das Resultat ist absurd: Europa ist voll von Einwanderern, die es nicht will, und schreckt oder schiebt jene ab, die es aus wirtschaftlichen Gründen dringend braucht. Da jeder EU-Staat bei der Migration nach eigenen, oft undurchschaubaren Regeln spielt, können sich die Schlauen leicht durchschwindeln, während die Ehrlichen allzu schnell unter die Räder kommen.

Die logische Antwort auf dieses Dilemma wäre eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik, die gleiche Bedingungen in der ganzen EU schafft und vor allem gut ausgebildetenen Fachkräften, die es derzeit in die USA oder nach Kanada zieht, ein attraktives Angebot macht.

Und weil das Recht auf Asyl überall besteht, egal ob ein Verfolgter zuerst in Spanien oder Schweden landet, müsste es EU-weit einheitliche Asylgesetze mit einer uniformen Umsetzung geben.

Mit seinem Vorstoß für eine "Blue Card" hat EU-Justizkommissar Franco Frattini einen ersten vorsichtigen Schritt in diese Richtung getan. Weder will er die gesamte Ausländerpolitik nach Brüssel verlagern, noch ruft er zur Öffnung aller Grenzen auf. Frattini verfolgt bloß einen Einwanderungskurs, der von vernünftigem Eigeninteresse und nicht von dumpfen Ressentiments getrieben wird. Er hat die Mehrheit des Europaparlaments und den Großteil der Wirtschaft hinter sich. Und dennoch haben seine Pläne wenig Chance auf Verwirklichung.

Denn im politischen Halbfertigprodukt, das sich EU nennt, nehmen es die Bürger zwar hin, wenn ihre Regierungen die Kontrolle über die Wirtschaftspolitik Schritt für Schritt an Brüssel abtreten. Doch wenn es um Themen geht, zu denen ein emotioneller Bezug besteht, klammern sie sich an die Vorrangstellung des Nationalstaates - egal, ob dieser Probleme lösen kann oder nicht.

Das gilt für die Außenpolitik genauso wie für die Sozialpolitik und Fragen der inneren Sicherheit. Zwar werden die EU-Kompetenzen für Inneres und Justiz im neuen Reformvertrag verstärkt, aber der Weg zu einer echten Harmonisierung ist noch weit - und der nationale Widerstand enorm.

Alfred Gusenbauer befindet sich daher in bester europäischer Gesellschaft, wenn er Frattinis "Blue Card" schon im Vorfeld im Standard-Interview eine Absage erteilt - mit den Worten, er "möchte nicht, dass durch europäische Regelungen unsere Arbeitsmarktpolitik unterlaufen wird".

Natürlich weiß auch der Kanzler, dass jene EU-Regeln, denen er einst zugestimmt hat, den heimischen Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren für Millionen Jobsuchende öffnen werden. Warum nicht auch einige tausend Ingenieure aus anderen Ländern aufnehmen, statt sie immer nur zu Arnold Schwarzenegger nach Kalifornien zu schicken? Und warum nicht zulassen, dass diese nach zwei Jahren Arbeitserfahrung in Irland oder Dänemark nach Österreich weiterwandern?

Nein. Einwanderungspolitik - und sei sie noch so vermurkst - muss formal rot-weiß-rot bleiben.

Weil Europa in Bereichen, wo es dringend benötigt wird, keine Lösungen bieten darf, klagen die Bürger, dass die EU zu nichts taugt. Frattinis "Blue Card" ist eine solche Lösung - und ein guter Test für die Zukunftsfähigkeit Europas. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2007)