Die US-Sängerin Sharon Jones und ihre fantastische Band The Dap Kings.

Foto: Daptone
Wien – Dass Soulmusiker heute mit fünfzig, sechzig Jahren wieder in das Licht der Öffentlichkeit rücken, ist nicht ganz unüblich. Ein zweiter künstlerischer Frühling ist in den letzten Jahren legendären Interpreten wie Solomon Burke, Allen Toussaint, Mavis Staples oder Bettye Lavette gelungen. Und zwar oftmals mit Produktionen, die zumindest atmosphärisch die hohe Zeit des Souls, also die späten 60er- und frühen 70er-Jahre, beschworen haben.

Das gilt nicht für Sharon Jones. Zwar spielt Jones eine Musik, die ebenfalls klingt, als würden Otis Redding und Marvin Gaye noch über die Bühnen fegen, allein – die kommende Woche in Wien ihr demnächst erscheinendes Album 100 Days, 100 Nights live vorstellende Sängerin erfreut sich mit ihren 51 Jahren erstmals erhöhter Aufmerksamkeit. Verantwortlich dafür ist der spezielle Sound ihrer Alben, den ihre Band The Dap Kings verantwortet. Diese erinnert nicht nur optisch an die multiethnische Hausband des legendären Stax-Labels aus Memphis, sie klingt auch beinahe so.

Diesen glücklichen Umstand verstand zuletzt die britische Soulsängerin Amy Winehouse auf ihrem herausragenden Album Back To Black für sich zu nutzen. Winehouse und ihr Produzent Mark Ronson waren auf der Suche nach einem möglichst authentischen Sixties-Soulsound.

Mark Ronson: "Wir haben jeden verdammten Computertrick versucht, um alt zu klingen. Aber die Resultate waren einfach lächerlich. Dann fragten wir bei den Dap Kings, und plötzlich klang es eine Million Mal besser."

Mrs Jones reagierte zuerst etwas säuerlich auf die "Enteignung" ihrer sie seit Jahren begleitenden Band, mit der sie auf dem New Yorker Label Daptone bereits zwei Alben und – ganz alte Schule – etliche Singles veröffentlicht hatte. Andererseits: Sie gewöhnt sich langsam an diese Form des Outsourcing.

Auch der britische Shooting Star Lily Allen oder gar Robbie Williams buchten bereits ihre Dap Kings. Und: Von der Aufmerksamkeit, die Amy Winehouse’ Album zuteil wurde, profitiert nun auch Jones.

Das war nicht immer so. Als sie in den 70ern ihrer Berufung nachgehen wollte und sich als Sängerin versuchte, hieß es meist, sie sei nicht gut genug, zu klein, zu dick, oder ihre Musik wäre einfach hoffnungslos unmodern. Nicht dass diese Rückschläge das Energiebündel aus Augusta, Georgia, vom Singen abgehalten hätten. Aber es bedurfte dazu eines Brotjobs.

Also arbeitete Jones jahrelang als Gefängniswärterin auf Rikers Island in New York City, bevor sie Mitte der 90er-Jahre in eine Neo-Soul- und Funk-Szene geriet, aus der in Folge ihr Label und ihre Band entstand.

"Ein kleines Wunder"

Ihr jetziger Erfolg ist gemessen an dem von Amy Winehouse immer noch bescheiden: Von ihrem letzten Album verkauften sich weltweit etwa 50.000 Stück. Das entspricht nicht einmal dem, was Winehouse in einer guten Woche absetzt. Jones stört das nicht: "Schon der Umstand, dass mir heute mehr Leute zuhören als je zuvor, ist ein Erfolg. Und dass ich tatsächlich in Europa und sogar in Australien auftrete, ist wie ein kleines Wunder für mich", meint sie in einem Interview.

Ihr Album 100 Days, 100 Nights (Vertrieb: Soul Seduction) darf man ebenfalls als Wunder einstufen: Es gibt im Moment kaum jemand Vergleichbaren, der so authentischen alten Soul spielt, wie Jones mit ihrer Band. Von den fiebrigen Orgelstößen über die funky Gitarrenlicks bis zu den staubtrockenen, dabei schweißtreibenden Bläsern stammt alles aus der Klasse von 1967 – ohne eine Spur abgestanden zu wirken.

Gerüchten zufolge gibt es bereits Pläne, Winehouse und Jones für einen Song zusammenzubringen. Die Ex-Knastwärterin und die drogistisch verseuchte Götterstimme mit ihren Knast-Tattoos – das ist jetzt schon ein Dream-Team! (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007)