Peter Heine, "Der Islam".
€ 49. 90/380 Seiten.
Patmos, Düsseldorf 2007.

Patmos Verlagshaus
Die Unterzeile zum Titel drückt es gut aus: Autor und Verlag geht es nicht nur um die "Erschließung", sondern auch die "Aufschließung", also um Erklärung und Kommentierung dessen, was jedem Medienkonsumenten tagtäglich unter dem Namen "Islam" unterkommt und Aspekte von Religion, Kunst, Kultur, Gesellschaft, Geschichte und Politik subsumiert. Das soeben erschienene Buch ist das vierte in einer Religionsreihe des Patmos-Verlages, die ersten drei waren Bibel, Christentum und Koran gewidmet. Letzteres ist gewiss eine Entlastung für den Islamwissenschafter Peter Heine, der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, und seinen Islam-Band, was nicht heißen soll, dass dem Koran nicht auch bei ihm der nötige Platz eingeräumt wird.

In dem knapp 400 Seiten umfassenden Werk führt Heine vor, wie man wissenschaftlich präzise und differenziert arbeiten kann, ohne auch nur einen Moment den "normalen" Leser aus den Augen zu verlieren. Das Buch versuche, "die Verengung der Perspektive auf den Islam aufzulösen", schreibt Heine, der auch viel zum Islam im außerarabischen Raum geforscht hat, im Vorwort. Dazu sei aber eine "erweiterte Kenntnisnahme" nötig. Wie sehr die nötig ist, kann man soeben an der aktuellen Islam-Debatte in Österreich mit ihren Stereotypen ermessen. Heines Buch hat das Zeug, ein neues Standardwerk über den Islam zu werden, in dem man sowohl gezielt nachschlagen als auch einfach genussvoll lesen kann. Originalstimmen aus der islamischen Welt ergänzen den Haupttext nicht nur, sie lockern ihn auch auf. Zusammenfassende Abschnitte geben kurze Resümees einzelner Punkte. So entsteht ein Überblick, der selbstverständlich nie die Prätention des Kompletten hat, der jedoch in viele Ecken leuchtet und viele Enden aufrollt.

Dazu kommen gute Illustrationen und interessante Fotos, und auch das Layout ist ansprechend - bis vor kurzem war es ja eher der Fall, dass Bücher entweder schön oder wissenschaftlich unantastbar waren. Aber diese Zeiten sind al-hamdu li-llah (Gottlob!) vorbei.

Die Gliederung des Buches ist logisch und übersichtlich. Es beginnt mit einer Bestandsaufnahme des Islam in der Welt von heute unter dem Titel "Eine dynamische Religion", gefolgt von der Beschäftigung mit dem Propheten Muhammad und dem Koran, den islamischen Glaubenspflichten, Recht, Sonderformen des Islam (wie die Schia) und Sekten, Mystik und Volksreligion.

Ein eigenes Kapitel ist der Position der Frau gewidmet, es folgt eine Auseinandersetzung mit "Islamismus und radikalem Islam". Das letzte Wort gibt Peter Heine in seinem "Ausblick" am Ende des Buches dem iranischen Theologen Mohammad Schabestari und seinem Bekenntnis zu Veränderungen, die unvermeidlich sind, wenn man als Muslim an der Moderne teilhaben will.

Der Islam und die Moderne, das ist beileibe keine Liebesgeschichte. Aber sie wird auch nicht auf das reduziert, was dem Medienkonsumenten normalerweise an unpräzisen Behauptungen vorgesetzt wird. All das, von dem Islam-Kritiker behaupten, es existiere nicht "im Islam" - moderne Interpretationsansätze, Textkritik etc. -, gibt es sehr wohl, wobei unbestreitbar ist, dass das den islamischen Mainstream noch nicht erfasst hat - was wiederum nicht automatisch bedeutet, dass der Mainstream ausgerechnet die konservativste und strengste Richtung einschlägt.

Pragmatismus

Wie viele mit der islamischen Welt Vertraute gut wissen, herrscht da ein gewisser Pragmatismus vor, etwa wenn in der modernen Mittelschicht das für die Frauen unvorteilhafte Erbrecht durch Schenkungen an die weiblichen Erben zu Lebzeiten des Erblassers ausgeglichen wird, und anderes mehr.

Der Pragmatismus geht aber nicht immer zugunsten der Frauen und der Moderne aus. Heine stellt in dem vorliegenden Buch etwa den Ägypter Mohammed Abduh (gest. 1905) vor, für den "der Verstand, die Vernunft des Menschen das wichtigste Instrument, mit dem man sich dem Koran annähern konnte", darstellte. Es folgt eine gewisse Ernüchterung, wenn man - anhand eines Originaltextes von Abduh - hört, was für einen ultramodernen Muslim vor hundert Jahren eben so "die Vernunft" bedeutete (wobei er sich zwar nicht im konkreten Fall, aber doch mit der Aufgabenzuteilung an die Frau mit so manchem Geschlechtsgenossen anderer Religionen treffen dürfte).

Abduh wird also gefragt, und zwar von einem Muslim aus Amerika, einem Herrn Qonawi, wie es denn mit der Polygynie, der Vielweiberei, wirklich sei, und der junge Mann versucht, Abduh sogar schon die Antwort in den Mund zu legen: Da der Koran dem Ehemann befehle, alle geheirateten Frauen gerecht zu behandeln, und da dies menschenunmöglich sei (schon allein, weil die erste wahrscheinlich wenig erfreut sein wird, wenn ihr Mann mit einer zweiten daherkommt, erläutert Qonawi), so sei wahrscheinlich klar, dass das Beste die Monogamie sei.

Da kommt er aber bei Abduh nicht weit, der ihm erläutert, dass die Polygynie deshalb gerechtfertigt sei, weil die Zeugungsfähigkeit des Mannes bis ins hohe Alter erhalten bleibt, und was solle der arme Kerl denn tun, wenn seine gleichaltrige Frau keine Kinder mehr kriegen könne? Die Zeugung sei doch der Zweck der Ehe! Dass er diese Textstelle gewählt hat, zeigt die wohltuende Distanz Heines zu den Objekten seiner Forschung. Mit Romantizismus kommt man genauso wenig weit wie mit kategorischen negativen Urteilen.

"Islamisierung des Wissens"

Abduh gehörte auch zu jenen Denkern, die aus dem Koran eine große Toleranz gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Entwicklungen herauslesen, was nicht heißen soll, dass er ein Vorreiter der naturwissenschaftlichen Koranerklärungen war, die die theologischen im 20. Jahrhundert langsam in den Hintergrund drängten. Heute ist die "Islamisierung des Wissens" eine sehr erfolgreiche Strömung in der islamischen Welt, der es gelingt, sogar die Urknall-Theorie im Koran wiederzufinden.

Wie man sich vorstellen kann, ist diese Bewegung voll von Kuriositäten - Heine erzählt von einem Wissenschafter, der Studien zu den Hitzegraden in der Hölle anstellt. Aber angesichts dessen, was uns da auf christlicher Ebene gerade so alles entgegenschwappt, in der verträglichsten Form als "Intelligent Design", wundert einen nichts mehr. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.10.2007)