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Pneumokokken besiedeln die Schleimhäute des Nasenrachens, der Prozess verläuft symptomlos. Erst bei schwacher Immunabwehr rufen sie zum Teil schwere Erkrankungen hervor

Foto: APA/dpa/Ingo Wagner
Der Erreger trägt den lateinischen Namen Streptococcus pneumoniae, das Bakterium gibt es in mehr als 80 Variationen und es hält sich im Nasen-Rachen-Raum jedes Menschen auf. Dort wird es vom Immunsystem normalerweise in Schach gehalten. Doch es hat das Potenzial, gefährlich zu werden und zwar immer dann, wenn die körpereigene Abwehr schwächelt. Denn dann kann der Erreger nicht nur Mittelohr-, Lungen- oder Nasennebenhöhlenentzündungen hervorrufen, sondern im schlimmsten Fall auch eine Hirnhautentzündung oder eine Sepsis auslösen.

Tröpfcheninfektion

Eine besonders aggressive Form ist die sogenannte invasive Pneumokokkenerkrankung, die vor allem für Kinder unter zwei Jahren mit einem unausgereiften Immunsystem und ältere Menschen gefährlich ist. Pneumokokken werden wie Erkältungen durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen, ein Schutz ist deshalb fast nicht möglich.

Statistik

Laut WHO sterben jährlich 1,4 Millionen Menschen an durch Pneumokokken hervorgerufene Lungenentzündung, 50.000 an Hirnhautentzündung, in Österreich erkranken rund 9000 Menschen pro Jahr an von Pneumokokken verursachter Lungenentzündung, die Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 900. "Diesen Krankheitserregern wurde bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt", ist Christoph Wenisch, Abteilungsvorstand der Infektions- und Tropenmedizin am Kaiser-Franz-Josef-Spital, überzeugt.

Kampagne

Im Rahmen einer Awareness-Kampagne fordern Ärzte und Apotheker eine generelle, kostenlose Kinderimpfung. Der Status quo: Momentan werden nur Risikokinder etwa mit Immundefekten, chronischen und neurologischen Erkrankungen oder Kinder nach Organtransplantationen kostenlos geimpft. Das sind etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder unter zwei Jahren.

Herdenimmunität

Es geht aber schlussendlich, um etwas, das die Epidemiologen als "Herdenimmunität" bezeichnen: Geimpfte Kleinkinder werden zu Nichtüberträgern und können Familienangehörige nicht anstecken - so lautet das Argument für eine allgemeine Impfung. "Die Umwegrentabilität dieser Impfung ist sehr groß", erklärt Herwig Kollaritsch vom Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Med-Uni Wien und zitierte eine Studie aus den USA.

Dort werden die Kinder schon längere Zeit allgemein gegen Pneumokokken geimpft, und es hat sich gezeigt, dass damit nicht nur die invasiven Pneumokokkeninfektionen, sondern auch die Lungenentzündungen merklich zurückgegangen sind. Und zwar nicht nur bei Kindern, sondern auch bei älteren Menschen, die oft von ihren Enkeln angesteckt würden.

So plädiert auch Christiane Körner, Vizepräsidentin der Apothekerkammer, dafür, "das Bewusstsein zu schärfen und auch Nichtrisikokinder zu impfen".

Schlechtes Zeugnis

Weil nur eine kleine Gruppe von Kindern in Österreich geimpft ist, fiel auch eine an der Med-Uni Wien durchgeführte Studie zu Pneumokokken-Neuerkrankungen zwischen Februar 2001 bis Jänner 2007 schlecht aus. "Die bisherige Impflage nahm keinen Einfluss auf die Häufigkeit von schweren systemischen Pneumokokkeninfektionen", fasst Kollaritsch zusammen. Im Studienzeitraum wurden 177 hospitalisierte, mit Pneumokokken infizierte Kinder unter fünf Jahren gemeldet.

Kleinkinder unter zwei Jahren waren im Vergleich mit den Zwei- bis Fünfjährigen sogar doppelt so oft betroffen. "Ich bedaure jede schwere Erkrankung, die nicht sein muss, in einem Land, in dem es die Möglichkeit gibt, bestimmte Erkrankungen zu verhindern", sagt Ingomar Mutz, Vorsitzender des österreichischen Impfausschusses des Obersten Sanitätsrates. Was er meint: Die allgemeine Pneumokokken-Kinderimpfung, die bisher aus finanziellen Gründen nicht eingeführt wurde. Dabei gäbe es hier eine Kosten-Nutzen-Rechnung, "die eindeutig positiv ausfällt", sagt Kollaritsch. Die Impfungen würden weniger kosten als die Behandlung der Krankheiten, die dadurch vermieden werden könnten.

Mutz führt das Problem auf einen Fehler im System zurück: "Es gibt keine Kostenwahrheit." Die Prophylaxe werde von jemand anderem gezahlt als die Krankheitsbehandlung, was aus der Kostenaufteilung des Gesundheitssystems auf Ministerium, Länder und Krankenkassen resultiert.

Immunabwehr

Derzeit gibt es zwei verschiedene Impfstoffe auf dem Markt. Einen Polysaccharidimpfstoff gibt es schon länger, er ist vor allem für Erwachsene bestimmt und wirkt gegen die 23 von insgesamt 80 Serotypen, die für 90 Prozent der Erkrankungen verantwortlich sind. Es handelt sich um einen Totimpfstoffe, der also nur jene Bestandteile der Pneumokokkenerreger enthält, die für das Auslösen einer schützenden Immunantwort notwendig sind. Der Oberste Sanitätsrat empfiehlt die Impfung auch für Menschen ab dem 60. Lebensjahr.

Zusätzlicher Impfstoff Seit 2001 gibt es einen zusätzlichen Impfstoff, der auch für Kleinkinder geeignet ist. Der sogenannte Konjugat-Impfstoff immunisiert gegen die sieben für Kinder gefährlichsten Pneumokokkentypen. Der Clou: Weil sich das spezifische Immunsystem erst ab dem 24. Monat aufbaut, erkennt das Immunsystem von Kleinkindern zwar prinzipiell Fremdeiweiß, doch Pneumokokken sind durch eine Kapsel aus Zuckermolekülen getarnt und deshalb reagiert die körpereigene Abwehr erst sehr spät. Beim neuen Impfstoff wurde in das Zuckermolekül ein Eiweißmolekül gebunden, das es den weißen Blutkörperchen erleichtert, den Erreger zu erkennen. Haben die Impfungen Nebenwirkung? - Keine nennenswerten, sagen die Experten. (DER STANDARD, Printausgabe, Julia Grillmayr, 29.10.2007)