Istanbul – Heftige Verwirrung herrschte gestern, Donnerstag, über die Wirtschaftssanktionen, die die Türkei gegenüber dem Nordirak verhängt hat oder noch verhängen will. Nachdem der Sender NTV berichtet hatte, die Türkei hätte ab sofort ihren Luftraum für Flüge in den Nordirak gesperrt, dementierte kurz darauf Premier Tayyip Erdogan persönlich. „Es gibt eine solche Entscheidung nicht.“

Außenminister Ali Babacan sagte, es seien schon in der Vergangenheit Flüge von Istanbul nach Erbil aus technischen Gründen gestrichen worden, und das könne auch künftig wieder geschehen. Das Hin und Her in dieser Frage illustriert das türkische Dilemma, dass sich mit möglichen Wirtschaftssanktionen gegen den Nordirak und gegen Unterstützer der PKK auftut. Seit Tagen berichten die Medien darüber, was die Türkei alles in den Nordirak liefert und wie sehr die autonome kurdische Region am Tropf der Türkei hänge. Außerdem gäbe es persönliche finanzielle Engagements der Familie des Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Irak, Masud Barzani, in lukrative Bauprojekte an der türkischen Südküste. Warum – so fragen viele – wird den „Unterstützern der PKK“ nicht einfach der Nachschub abgedreht und Guthaben irakischer Kurden in der Türkei eingefroren? Zuletzt wurde darüber am Mittwoch im Kabinett diskutiert. Offenbar ohne konkrete Ergebnisse. Denn, so sehr der Nordirak auch von der Türkei abhängt, die autonome Kurdenregion ist gleichzeitig auch für die Türkei ein wichtiger Markt. In den ersten acht Monaten des Jahres 2007 hat die Türkei Güter im Wert von 1,7 Milliarden Dollar in den Irak exportiert, 2006 waren es insgesamt 2,5 Milliarden.

Volk der Lkw-Fahrer

Vor allem die ohnehin völlig verarmte kurdische Bevölkerung im Südosten lebt mittlerweile überwiegend davon, alle möglichen Güter, von Lebensmittel, über Benzin bis zu Baumaterial, in den Irak zu transportieren. Aus einem Volk von Hirten ist in den letzten Jahren ein Volk von Lkw-Fahrern geworden. Sperrt die türkische Regierung den Grenzübergang Habur, durch den der gesamte Lastwagenverkehr läuft, bringt sie nicht nur die Barzani-Regierung um eine lukrative Einnahmequelle, weil die von jedem Lkw Zoll kassieren, sondern stürzt die eigene kurdische Bevölkerung in die völlige wirtschaftliche Katastrophe. Das will Erdogan unbedingt vermeiden, geht es doch im Kampf gegen die PKK nicht zuletzt darum, die Sympathien der kurdischen Bevölkerung zu gewinnen. Selbst die Investitionen, die irakisch-kurdische Geschäftsleute weit über den Barzani-Clan hinaus in der Türkei tätigen, sind offenbar nicht zu verachten. Laut der Zeitung Star sind in Istanbul irakische Investoren in 54 Firmen engagiert und repräsentieren dort 15 Prozent des gesamten ausländischen Kapitals.

(Jürgen Gottschlich aus Istanbul, DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2007)