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Premier Fredrik Reinfeldt (links, in einer Pressekonferenz mit Parlamentspräsident Bjorn Von Sydow) wird wegen seines "amateurhaften Führungsstils" kritisiert.

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Katastrophenbereitschaft in Weinlaune: Ulrica Schenström.

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Schwedens Regierung wird von einem neuen Skandal erschüttert: Der konservative Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt verliert seine engste Mitarbeiterin, die Staatssekretärin Ulrica Schenström. Alkohol im Dienst und ein inniger öffentlicher Kuss wurden ihr zum Verhängnis.

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Für umgerechnet 102 Euro hatte Staatssekretärin Ulrica Schenström gemeinsam mit einem TV-Reporter in einer Stockholmer Gastwirtschaft dem Wein zugesprochen (worauf auch ein leidenschaftlicher Kuss folgte). Und das, obgleich sie an besagtem Abend Bereitschaft hatte – im Falle einer nationalen Katastrophe wäre sie für die erste Reaktion der Regierung verantwortlich gewesen.

In Schweden ist dies inzwischen ein hochsensibles Thema: Nach der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 in Thailand, bei der mehr als 500 schwedische Touristen ums Leben kamen, war die Reaktion der Regierung als zu langsam kritisiert worden; ein verlässlicher Bereitschaftsdienst für den Katastrophenfall gilt seither als höchste Priorität.

Nicht verinnerlicht

Dass ausgerechnet die engste Mitarbeiterin des Regierungschefs dies offenkundig nicht verinnerlicht hatte, fällt nun auf Reinfeldt selbst zurück. Immer stärker werden sein Urteilsvermögen und seine Qualifikation als Regierungschef infrage gestellt. Von einem „amateurhaften Führungsstil“ spricht die Zeitung Dagens Nyheter; „das Blatt Upsala Nya Tidning“ befindet: „Reinfeldt kann sich keine weiteren Fehler leisten.“

Drei Rücktritte

Immerhin sind seit dem Amtsantritt des bürgerlichen Kabinetts im Herbst des vergangenen Jahres drei Minister, allesamt Mitglieder von Reinfeldts konservativen „Moderaten“, zurückgetreten: Zunächst die Handels- und die Kulturministerin, Maria Borelius und Cecilia Stegö Chilò; beide mussten gehen, nachdem enthüllt worden war, dass sie schwarz bezahltes Hauspersonal beschäftigen. Erst im September musste Reinfeldt dann seinen Verteidigungsminister Mikael Odenberg ziehen lassen: Dieser trat aus Protest gegen Kürzungen im Militärhaushalt zurück.

Der Aderlass in der Ministerriege verweist nach Ansicht von Beobachtern auf zwei typische Probleme des von Reinfeldt selbst als „offen und modern“ gepriesenen Führungsstils: Zum einen lässt die Ambition, den einzelnen Ministerinnen und Ministern möglichst viel Freiraum zu geben, den Regierungschef selbst als zu schwach in seiner Führungsrolle erscheinen. So hielt er sich bei den Diskussionen um das Militärbudget dezent zurück; die einschlägigen Kämpfe trug der Verteidigungsminister offen mit dem Chef des Finanzressorts aus.

Quereinsteiger

Zum anderen vertraut Reinfeldt bisweilen offenbar allzu zu sehr auf parteiloyale Politik-Quereinsteiger (wie beispielsweise die Journalistin Borelius) statt auf „politische Schwergewichte“. Die beiden als Schummlerinnen enttarnten Ministerinnen beförderten außerdem das Bild einer Partei, die in puncto Ehrlichkeit harte Forderungen an den „kleinen Mann“, nicht aber an sich selber stellt.

Derzeit verzeichnen die Moderaten Tiefstände in der Wählergunst. Die Anerkennung, die Reinfeldt in jüngster Zeit unter anderem für die Konsequenz bei der Neuprofilierung seiner Partei und für sein souveränes Auftreten in der schwedischen „Mohammed-Krise“ erhalten hatte, reicht offenbar nicht aus. Und schon gibt es das nächste Problem: Wie jetzt bekannt wurde, hat auch die neu ernannte Staatssekretärin, Nicola Clase, Handwerker schwarz bezahlt. (Anne Rentzsch aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.2007)