Wider den „Geist der alten Schule“: AHS-Direktorin Heidi Schrodt.

Foto: Andy Urban/DER STANDARD
Standard: : Die Mitbestimmung bei den Modellregionen für die Neue Mittelschule ist der Hauptstreitpunkt zwischen ÖVP und SPÖ. Die ÖVP will die Zweidrittelmehrheit aller Eltern und Lehrer am Schulstandort. Der SPÖ geht das zu weit. Warum?

Schrodt:: Mit der Zweidrittelmehrheit – das wissen alle, die jahrelang schulreformerisch und innovativ unterwegs waren – ist das Scheitern jeder Schulreform voraussehbar. Fragen wie die Fünftagewoche oder der Schulversuch Französisch statt Latein mussten Jahr für Jahr neu abgestimmt werden – und zwar mit zwei Dritteln von allen am Schulversuch Betroffenen._

Standard:: Bei Ihnen im Gymnasium in der Rahlgasse ist soeben als dritter AHS in Wien ein Versuch mit der modularen Oberstufe für die sechste bis achte Klasse gekippt worden – und zwar durch die Lehrerinnen und Lehrer, und obwohl dort bereits zwei Jahrgänge laufen.

Schrodt:: Es ist nicht gekippt worden. Das kann man nicht sagen. Wir haben auch jetzt eine einfache Mehrheit der Lehrerstimmen, dass die modulare Oberstufe fortgesetzt wird. Wir haben fast vor sechs Jahren mit einigen anderen Schulen beschlossen, die Oberstufe komplett neu zu gestalten mit einem Kurssystem. Wir waren voller Idealismus und haben das Modell professionell entwickelt, wenn auch ohne Ressourcen. Vor zwei Jahren ist an unserer Schule der erste dreijährige Durchgang gestartet. Wir haben erst kurz vor Ende des Schulschlusses davon erfahren, dass wir darüber jedes Jahr neu abstimmen müssen. Dabei sind wir davon ausgegangen, dass wir einen dreijährigen Durchgang machen mit allen nachfolgenden Klassen, mit Evaluierung, und dann fällt die Entscheidung, ob wir das im System verankern oder ob wir aussteigen. Und wenn wir aussteigen, gibt es ein Ausstiegszenario. Voriges Jahr haben ganz wenige Stimmen zur Zweidrittelmehrheit gefehlt, die Abstimmung musste wegen eines formalen Fehlers wiederholt werden. Dann haben wir das System gründlich überarbeitet, und 80 Prozent der Lehrer waren dafür. Jetzt ist das neue Modell angelaufen, und sechs Wochen nach Schulanfang müssen alle, auch die 15 Prozent neuen Lehrerinnen und Lehrer, darüber abstimmen.

Standard:: Warum deren Nein? Bestätigt das das Klischee der reformfeindlichen Lehrer?

Schrodt:: Nein. Absolut nicht. Wir haben vielleicht von 90 stimmberechtigten Lehrerinnen und Lehrern eine Handvoll, die das Modell als solches nicht wollen, und die sagen das auch laut. Aber es gibt keine Lobby dagegen. Ein Grund kann sein, dass die Neuen mit so einem komplexen Modell überfordert sind. Nicht unterschätzen darf man: Es gibt keine Ressourcen für eine so große Schulentwicklung, über die die Schule verfügen kann.

Standard:: Das ist genau ein Vorwurf, den die Kritiker der Neuen Mittelschule äußern, dass nämlich im Gesetzesentwurf steht, das Ganze soll „kostenneutral“ sein.

Schrodt:: Das darf nicht sein, das kritisiere ich auch. Diese Ressourcenfreiheit ist ein großes Problem. Denn ein Projektleiter, der so ein Megaprojekt managt und daneben voll weiterunterrichtet, kann entweder eines davon schlecht machen, oder er macht beides gut weiter und geht drauf._Und das zweite Problem ist das Korsett der Schulbürokratie.

Standard:: Womit müssen Eltern rechnen, die ihr Kind in die Neue Mittelschule geben? Ein Einwand dagegen ist ja, dass es noch immer kein konkretes Modell dafür gäbe.

Schrodt:: In der Expertenkommission wurden Vorschläge entwickelt, wie das konkret ausschauen sollte. Nicht nur Team-Teaching, sondern nach Möglichkeit auch jahrgangsübergreifende Lerngruppen. Ohne Entwicklungsressourcen, vor allem Zeitressourcen, kann das nicht funktionieren. Das ist ein großer Kritikpunkt am Gesetzesentwurf, den ich habe. Schulentwicklung, die zumindest teilweise ins Regelsystem übernommen werden soll, kann ja nicht kostenneutral sein. Standard:: In welcher Form würden Sie Eltern und Lehrer mitbestimmen lassen bei den Modellregionen – oder ist diese schulische Zweidrittelmehrheit mehr Hemmschuh für eine Schulreform als er einer demokratischen Schule nützt?

Schrodt: : Ja, in der jetzigen Form ist sie das bestimmt. Jetzt geht es ja nur um die Modellregionen. Denen wird viel zu viel Gewicht beigemessen. Bei den Modellregionen sollte niemand unfreiwillig dort sein. Es muss natürlich die ganze Schule das machen. So ein Unsinn, wie er in den letzten Tagen ins Spiel gebracht wurde, dass an einer Schule eine Klasse Gymnasium und eine Klasse Neue Mittelschule parallel geführt wird, das ist ja haarsträubend. In den Modellregionen kann ich mir als Kompromiss vorstellen, dass dort, wo es eine Schule gibt, wo Eltern und Lehrer das wollen, und wenn das zwei Drittel sind, dann sollen die jetzt einmal anfangen. Aber grundsätzlich gehört dieser ganze Schulversuchsparagraf ersatzlos gestrichen. Das ist genau der Geist der alten Schule. Es gehört ein neuer gesetzlicher Rahmen für solche Schulversuche im großen Ausmaß entwickelt, in dem sich die Schulen dann innerhalb eines Rahmenmodells sehr frei bewegen können. Das ist ja auch der Grund, warum es noch kein konkretes Modell gibt. Das ist das Schulversuchsdenken der 1970er Jahre: Wir machen ein Modell, wir – das ist im zentralistischen Österreich das Ministerium – geben euch genau vor, wie das zu sein hat, und ihr probiert es aus. Das kann’s nicht sein, dass jetzt wieder dieser Schulversuchsparagraf herangezogen wird für die Neue Mittelschule. Dann schaut sie schon alt aus, bevor es sie überhaupt gibt. (Lisa Nimmervoll, 2.11.2007)