Novartis Österreich-Chef Christian Seiwald: "Es kommt vor, dass jemand Außergewöhnliches leistet. Das wird dann auch honoriert."

Foto: STANDARD/Fischer
STANDARD: Stimmt die Gleichung: Je größer der Konzern, desto höher die Fluktuationsrate?

Christian Seiwald: Generell glaube ich nicht, dass es da einen Zusammenhang gibt. Letztlich kommt es auf den Umgang an, den man mit den Mitarbeitern pflegt, wie man sie behandelt, welche Anreize man ihnen bietet. Es gibt große Unternehmen, die darin gut oder weniger gut sind. Es gibt aber auch kleine Firmen, die darin super oder weniger super sind.

STANDARD: Ein Konzern ist aber doch anonymer, als es ein Gewerbebetrieb je sein kann.

Seiwald: Ein Großkonzern setzt sich ja auch aus vielen Einzelunternehmen zusammen. Novartis beispielsweise beschäftigt weltweit 100.000 Mitarbeiter. Natürlich gibt es keine persönliche Beziehung mit jemandem in Malaysia, Indien oder China. Die sichtbare und für den Mitarbeiter relevante Einheit ist die, in der er gerade tätig ist. Und das ist in der Regel ein überschaubarer, gar nicht anonymer Bereich.

STANDARD: Warum gehen immer mehr Unternehmen weg von traditionellen Entlohnungssystemen hin zu Formen der Mitarbeiterbeteiligung?

Seiwald: Ich kann das nur für Novartis beurteilen. Wir haben eine leistungsorientierte Vergütung, weil die Mitarbeiter das erstens schätzen und wir zweitens damit konkurrenzfähig sind. Nur so können wir die besten Leute für das Unternehmen rekrutieren.

STANDARD: Wie sieht das Modell aus?

Seiwald: Es gibt eine Basisvergütung, die ist fix und wird in Österreich entsprechend der Kollektivvertragsabschlüsse auch laufend angepasst.

STANDARD: Wie hoch ist die?

Seiwald: Die Grundidee ist die, dass jeder Mitarbeiter mit dem Grundgehalt anständig leben können soll, egal wo immer auf der Welt er sich befindet. Das lassen wir kontinuierlich von externen Stellen erheben. Darüber hinaus gibt es variable Gehaltsbestandteile, die von Land zu Land unterschiedlich sein können. Jeweils zu Beginn eines Jahres werden zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern Ziele vereinbart. Die Höhe der Bonuszahlung ist dann abhängig vom Grad der Zielerreichung. Das kann bei Übererfüllung bis zur Verdoppelung der Prämie gehen. Bei krasser Zielverfehlung entfällt der Bonus ganz.

STANDARD: Wie hoch ist die Prämie in Österreich?

Seiwald: Bei Novartis Pharma kann Zielerreichung im Außendienst bis zu zwei zusätzliche Monatsgehälter heißen. Ist jemand im Service tätig, fällt die Prämie niedriger aus.

STANDARD: Werden die Zielvorgaben häufig übertroffen?

Seiwald: Zu sagen oft wäre übertrieben. Wir haben sehr ambitionierte Ziele, diese zu erreichen ist an sich schon eine gute Leistung. Es kommt aber vor, dass jemand Außergewöhnliches leistet, das wird dann auch honoriert.

STANDARD: Wie viele erreichen durchschnittlich das vereinbarte Ziel?

Seiwald: 70 bis 80 Prozent der Mitarbeiter schaffen es.

STANDARD: Und die Manager?

Seiwald: Für die gibt es darüber hinaus ein Aktienoptionsprogramm. Wenn jemand über mehrere Jahre überdurchschnittlich gute Leistungen erbringt, wird er oder sie für so ein Programm vorgeschlagen. Dabei wird ein gewisser Betrag wahlweise in Aktien oder Optionen bezahlt.

STANDARD: Gibt es darüber hinaus noch andere Formen von Zuwendungen bei Novartis?

Seiwald: Die Pensionsregelung. Wir sind gerade dabei, auf ein Pensionskassenmodell umzustellen.

STANDARD: Funktioniert das?

Seiwald: Leider nein. Es ist mir unverständlich, warum die betriebliche Pensionsvorsorge nicht so wie beispielsweise in der Schweiz steuerlich stärker unterstützt wird. Das staatliche System würde dadurch entlastet. Derzeit fehlt der Anreiz, freiwillig einzuzahlen.

STANDARD: Wie sind die Rahmenbedingungen für ein in Österreich tätiges Pharmaunternehmen?

Seiwald: Wir sind nicht unzufrieden mit der Situation, was die Mitarbeiter betrifft, die soziale Sicherheit, die politische Stabilität, die wirtschaftlichen Kenndaten. Handlungsbedarf gibt es aber bei der Reduktion des Mehrwertsteuersatzes auf Arzneimittel. Österreich ist da Spitzensteuerland in der EU. Eine Senkung würde Druck aus dem System nehmen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.11.2007)