Frankfurt - Dass die Finanzierung der umstrittenen Pläne von US-Präsident George W. Bush für ein Raketenabwehrsystem in Tschechien und Polen vorerst im US-Kongress gescheitert ist, beschäftigt europäische Pressekommentatoren:

"Frankfurter Rundschau"

"Einer der unausgesprochenen Gründe hinter der Eile, mit der die US-Regierung ihre Pläne für eine Raketenabwehr vorantreibt, war stets der politische Zeitplan. George W. Bush betrachtet das Projekt als wichtigen Teil seines Erbes. Seit Ronald Reagan haben Amerikas Konservative davon geträumt, Sicherheit und strategische Dominanz durch eine ballistische Käseglocke zu erlangen, an der angreifende Raketen zerschmettern. Zwar haben 9/11 und die asymmetrische Bedrohung durch Terroristen den Traum von der Unverwundbarkeit ad absurdum geführt. Trotzdem will Bush als der Präsident in die Geschichte eingehen, der über Amerika und seinen Verbündeten einen Raketenschirm aufspannt."

"Handelsblatt" (Düsseldorf)

"Der US-Präsident war einst angetreten, den gesamten Globus mit den Segnungen einer Demokratie westlicher Prägung zu überziehen. Koste es, was es wolle, sogar Krieg. (...) Die rapide schwindende Hoffnung, im Irak und auch in Afghanistan doch noch Positives, gar einen Sieg der eigenen Ideologie vorweisen zu können, erwies sich zwar als Illusion, weckte aber prompt Aggressionen. Und es hat sicher etwas mit dem Gefühl tiefer Demütigung zu tun, selbst wenn ein George W. Bush dies so nie eingestehen würde. Bush träumte davon, als Retter der Welt vor dem Terror in den Geschichtsbüchern einen gebührenden Platz zu erhalten. Doch dieser Traum ist zerplatzt. Und die Gewissheit, dies in den wenigen verbleibenden Monaten seiner Amtszeit auf keinen Fall noch korrigieren zu können, bestimmt eben heute sein Vokabular. (...) Der von Bush mit viel Eifer ans Reißbrett genagelte Plan zum Aufbau eines neuen Systems zur Raketenabwehr lässt in Moskau zusätzliche Zornesadern schwellen. Aus Moskauer Sicht muss dies zwangsläufig als nie und nimmer zu akzeptierende Provokation interpretiert werden."

"Darmstädter Echo"

"Die NATO hätte sich das traurige Schauspiel ihres schleichenden Verfalls ersparen können, wäre sie den erfahrenen atlantischen Politikern gefolgt, die ihr schon bald nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eine neue Kursbestimmung empfohlen hatten. Spätestens nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wäre dafür der richtige Zeitpunkt gewesen. Aber die letzte Supermacht USA fand dies damals nicht der Mühe wert. (...) Als heftig umstritten erwies sich Washingtons Absicht, das Bündnis um neue Mitglieder wie Georgien und die Ukraine zu erweitern, was vor allem in Westeuropa auf Bedenken trifft. Zugleich wachsen die Zweifel am Sinn der geplanten Stützpunkte der US-Raketenabwehr in Polen und Tschechien, die viele Europäer mit Russland teilen, weil sie höchste Gefahr für die erfolgreiche Abrüstungspolitik in Europa und dessen Sicherheitsordnung bedeuten. (...) Fortschritte im Bemühen um einen neuen Friedensansatz im Nahen Osten oder bei der Stabilisierung des Irak - Fehlanzeige. Im Gegenteil: Die Entschlossenheit Ankaras, den Krieg gegen die PKK-Rebellen in die irakischen Kurdengebiete zu tragen, droht die Spannungen noch zu verschärfen. Der Versuch der USA, sie zu einem Instrument weltweiter Militärinterventionen umzuformen, hat die Möglichkeiten der NATO überfordert. Zugleich haben ihr Missbrauch als Hilfstruppe für amerikanische Vormachtstrategien und die sogenannten 'Koalitionen der Willigen' ihre Geschlossenheit aufs Spiel gesetzt und Europa gespalten. Die Partnerschaft mit Russland kam zu Schaden. Das Vertrauen in die amerikanische Führungsstärke ist verloren gegangen."(APA/AFP/dpa)