Wien - Der Politikgehalt der West Side Story, die vor einem halben Jahrhundert uraufgeführt wurde und nun in der Stadthalle gastiert, ist in Europa so aktuell wie nie zuvor: Migration, misslungene Integration und Ghettobildung, kulturelle Differenzen, Rassismus, Straßengangs, soziales Prekariat und Gewaltbereitschaft - alles Themen, die in vielen Ländern des Alten Kontinents zunehmend Schlagzeilen machen. Als das Duo Laurents und Robbins 1949 an dem Projekt zu arbeiten begannen, sollte der Titel "East Side Story" lauten. Die männliche Hauptfigur war als Italoamerikaner angelegt, die weibliche als jüdische Holocaust-Überlebende. Doch die beiden kamen zu der Auffassung, dass diese Konstellation keinen Biss mehr hatte und legten das Stück auf Eis.

Unter dem Eindruck einer Einwanderungswelle von Puerto-Ricanern nach New York und dem Aufflackern von Bandenkonflikten gewann der Stoff Mitte der 50er-Jahre neue Aktualität. So wurde Tony zum polnischen Amerikaner und Maria zur Immigrantin aus Puerto Rico. Das von Shakespeare entlehnte Romeo-Julia-Thema ist dabei der populistische Aufhänger, dessen zur fatalen Konsequenz führendes Motiv, ein fehlschlagender Kommunikationsablauf, auch in dem Musical seine Entsprechung findet. Was hier im privaten Modell schiefläuft, ist schlicht die Mikrostruktur des größeren politischen Konflikts, der ebenfalls auf Verkettungen von Desinformationen beruht.

Eine Figur als Würze

Wie in so gut wie jedem auf Breitenwirkung hin ausgelegten Kunstwerk überlappt auch bei der West Side Story die Entertainmentstruktur den Politgehalt. Malerisch fließt die Musik von Bernstein darüber hinweg, die Choreografie ästhetisiert die Gewalt, die dramaturgische Gefälligkeit widerspricht der Ambivalenz des Inhalts. Die Tanzszenen in der aktuellen Jubiläumstour wirken spritzig, doch Orchester und Gesang schwächeln deutlich, und die Inszenierung wirkt bieder. Eine wirkliche Würze ist die Figur der Anybodys, das auf männlich markierende Mädchen, das sich in die Machogang der Jets nie richtig integrieren kann. Eine Heldin zwischen den Stühlen, die an der Ausweglosigkeit des Konflikts verzweifelt und am Schluss erstarrt wie die Allegorie auf ein unaussprechliches Problem: jenes des unintegrierbaren Eigenen zwischen allen Stühlen. Hier schreibt sich die Moderne in die Postmoderne fort. Anybody ist namenlos, ein Fragezeichen. Und ein Hoffnungsschimmer. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 03.11.2007)