Islamabad - Iftikhar Chaudhry ist es gewohnt, entlassen zu werden. Am Samstag zogen zwei Lastwagen mit paramilitärischen Einheiten vor dem Obersten Gerichtshof auf. Und dem Obersten Richter wurde mitgeteilt, dass "seine Dienste nicht mehr benötigt" würden. Der Staatssender PTV meldete kurz darauf, als Nachfolger Chaudhrys sei der Jurist Abdul Hamid Dogar vereidigt worden. Musharraf hatte Chaudhry bereits im März vorübergehend abgesetzt. Die Maßnahme musste aber nach einem Gerichtsbeschluss im Juli aufgehoben werden.

Nun soll Chaudhry de facto unter Hausarrest gestellt worden sein. Er und weitere sechs Richter des Obersten Gerichtshofes haben sich offenbar geweigert, der Anordnung Musharrafs Folge zu leisten, von einem in den kommenden Tagen erwarteten Urteil zur Feststellung der Rechtmäßigkeit der Wiederwahl des Präsidenten Abstand zu nehmen. Das Urteil, so sagen Beobachter in Islamabad, wäre möglicherweise gegen Musharraf ausgefallen. Der Oberste Gerichtshof hatte mehrere Anfechtungen der Kandidatur des Militärmachthabers akzeptiert. Die Kläger machten geltend, dass sich Musharraf nicht zur Wahl hätte stellen dürfen, da er immer noch Armeechef ist. Wie die Richter auch geurteilt hätten, an Macht hätte Musharraf auf jeden Fall eingebüßt: Entweder wäre er Präsident geblieben, hätte aber die Uniform an den Nagel hängen müssen. Oder er hätte weiter die Streitkräfte befehligt, ohne jedoch an der Regierung zu sein. Nun wählte er einen Ausweg, der ihm nicht nur seine Macht auf unbestimmte Zeit erhält, sondern sie noch drastisch ausbaut. In seiner Anordnung zum Ausnahmezustand wird allen Gerichten untersagt, Urteile gegen den Präsidenten zu fällen. Das Verfassungsgericht wird darin direkt angegriffen: Dessen "ständige Einmischung" habe die Regierung geschwächt.

Chaudhry wurde im März vorgeworfen, seinem Sohn einen hohen Posten verschafft, Dienstfahrzeuge privat genutzt und anderen Richtern nachspioniert zu haben. Nach der Absetzung gingen wochenlang Anwälte und Sympathisanten für Chaudhry auf die Straße. Im Mai jubelten Zehntausende ihm in Lahore zu. Chaudhry sagte dort: "Staaten gehen unter, die auf Diktatur statt auf dem Primat der Verfassung, des Rechtsstaats und des Schutzes der Grundrechte fußen." (AP, dpa, Reuters, awö/DER STANDARD, Printausgabe, 5.11.2007)