Elisabeth Bronfen, geboren 1958, ist Professorin für Anglistik und Literaturwissenschaft und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich. Sie hat zahlreiche Bücher und Aufsätze in den Bereichen Gender Studies, Psychoanalyse, Film und Kulturwissenschaften geschrieben. Werke: "Die Diva: Geschichte einer Bewunderung" (2002), "Liebestod und Femme Fatale. Der Austausch sozialer Energien zwischen Oper, Literatur und Film" (2004). Im Februar erscheint ihr Buch "Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht" bei Hanser.

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"Romeo und Julia" und den "Sommernachtstraum", zwei Nachtstücke Shakespeares, vergleicht die Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen am Montag im Kasino des Burgtheaters. Mit Cornelia Niedermeier sprach sie über Nacht als Zustand und den Gang in die Morgenröte.

Wien – Sonderliche Sonde Shakespeare. In ihrer Erkenntnistiefe über den Planeten Mensch bis heute unerreicht, entschwindet sie dem Theaterorbit in desto größere Fernen, je stärker Tateifer sie zurückzuholen trachtet. Allenfalls punktweise lässt sie Entdeckungen zurück. Vorzugsweise den Fragenden. Weshalb die Vortragsreihe, die den Shakespeare-Zyklus des Burgtheaters begleitet, vielleicht das bemerkenswerteste Element der theatralen Anstrengung darstellt. Heute Abend etwa begibt sich die Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen im Kasino am Schwarzenbergplatz in "Shakespeares nächtliche Welt" und unterzieht die annähernd zeitgleich entstandenen Dramen um jugendliches Begehren, Romeo und Julia und Sommernachtstraum, einem Vergleich.

Standard: In der Ankündigung für Ihren Vortrag sprechen Sie von der "Nacht als Bühne und geistige Verfassung".

Bronfen: Vielleicht muss man wirklich zuerst eine Banalität festhalten. Dass nämlich in der Renaissance-Zeit Theater mittags stattfand. Wenn also auf der Shakespeare-Bühne Nacht ist, dann nur, weil die Figuren sagen "O Nacht, O Mond, O Sterne". Das heißt, Nacht ist immer schon medial erzeugt. Es geht nicht um eine konkrete, authentische Nacht. Sondern auch um einen Zustand. Die Nacht ist ein Gegenraum zum Tag, zur Ordnung, zur Vernunft. Nicht außerhalb der Stadt, sondern als Ort innerhalb eines Orts, im Heterotopie-Sinn Foucaults. Ein Ort für bestimmte Handlungen. Solche geistigen Zustände – im Deutschen kann man das ja sehr schön mit "Umnachtung" beschreiben – sind Träume, das Transgressive, also Gesetzesbrüche jeglicher Natur. Wichtig für mich ist in beiden Stücken – Romeo und Julia und Sommernachtstraum - auch die Frage der Gewalt.

Standard: Gewalt? In welcher Hinsicht?

Bronfen: Man weiß, dass die beiden Stücke etwa zeitgleich geschrieben wurden. Dass sie wie anamorphotische Stücke funktionieren. Wie ich Shakespeare verstehe, greift er ähnliche Figuren, Formen, Pathos-Formeln auf und spielt sie verschieden durch. Und da ergibt sich die Frage: Warum muss in einem Text alles im Tod enden – und warum kann das in dem anderen Stück anders ausgehen?

Warum ist es ganz logisch, dass am Ende von Romeo und Julia alle jungen Menschen tot sind, nicht nur Julia und Romeo, sondern auch Mercutio, Tybalt und Paris, alle fünf. Und warum muss das im Sommernachtstraum nicht passieren? Denn bis zum dritten Akt könnte Romeo und Julia eine Komödie werden. Bis zu dem Moment, wo Tybalt Mercutio tötet und Romeo ihn.

Standard: Die Ausgangssituation beider Dramen ist eine ähnliche. Stürmisches jugendliches Begehren, das rasch das Objekt wechselt.

Bronfen: Ja, und strenge Väter, die den Kindern sagen, was sie tun sollen. Und die Weigerung der Kinder, dem zu folgen. Vice versa könnte auch im Sommernachtstraum, bis in den zweiten Akt, alles ganz schrecklich werden. Beispielsweise wacht Hermia auf, Lysander hat sie verlassen. Und dann fangen die Jungs an, einander umzubringen, und sie bringt sich um. Warum passiert das nicht? Das hat für mich mit dem zu tun, was die Nacht als Geisteszustand auch bedeutet: Mit welcher Haltung geht man in die Nacht.

Standard: Das heißt im konkreten Fall?

Bronfen: Vergleichen wir beispielsweise die beiden jungen Frauen, die bereit sind, heimlich den verbotenen Geliebten zu heiraten, Julia und Hermia:

Hermia, das wird oft überlesen, spricht von Anfang an von den "star-crossed lovers", von den widrigen Sternen, die die Liebe begleiten. Das heißt, sie ist auf Schwierigkeiten eingestellt. Und sie träumt von der Schlange, die an ihrer Brust liegt und sie umbringt, während ihr Liebster fortgeht und lacht. Was sagt das über sie aus? Sie stellt sich selbst schon Gewalt vor. Alle schrecklichen Dinge darüber, was es heißt, in eine Ehe einzutreten. Und dann werden eigentlich im Wald ihre schlimmsten Vorstellungen durchgespielt. Da realisiert sich zwar etwas – aber sie kann damit leben.

Standard: Julia hingegen?

Bronfen: Julias Einstellung ist eine sehr waghalsige. Wenn sie auf dem Balkon steht und sagt, Nacht, bring ihn mir. Und sich auch vorstellt, wenn er stirbt, dann soll ihn die Nacht zerstückeln und er den Himmel beleuchten. Da wird klar: Die Kinder in Romeo und Julia wollen keinen Tag. Sie kommen aus einem todüberfluteten Tag, nämlich einem Bürgerkrieg, und sie wollen etwas dagegenhalten, eine Nacht. Und sei es die ewige Nacht, der Tod. Der Sommernachtstraum ist ein Stück darüber, wie man den Tag mit seinen Gesetzen umstrukturiert, sodass Raum ist für Selbstdefinition und das eigene Begehren.

Standard: "Der Gang in die Morgenröte" haben Sie das genannt.

Bronfen: Da spiele ich mit einem Zitat des US-Philosophen Stanley Cavell. Mit dem englischen Homonym "Morning" und "Mourning". Es hört sich gleich an, bedeutet aber Morgen sowohl als Trauer. Was heißt, man muss etwas loslassen, um in die Morgenröte zu treten. Diese Trauer, das Wissen, dass man etwas verloren hat, ist die Bedingung, um in einen neuen Morgen zu gehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.11.2007)