Hamburg - Geschockt, hilflos und stinksauer hat die deutsche Tennis-Szene auf die Betrugsvorwürfe eines anonymen Zeugen reagiert. Sogar machtlos fühlt sich der Deutsche Tennis Bund (DTB) im Wettskandal, in den laut einem anonymen Hinweis eines Insiders auch deutsche Spieler verwickelt sein sollen. "Kriminelle Energien gibt es überall. Aber wir als DTB sind nur bedingt handlungsfähig", sagte Georg von Waldenfels, der als DTB-Präsident keine Möglichkeiten sieht, gegen die "freien Unternehmer in kurzen Tennishosen" vorzugehen. "Wir warten dringend auf Sanktionen seitens der ATP."

Gegen Generalverdacht

Die fordert auch Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen, der sich vor seine unter Generalverdacht geratene Spieler stellt. "Die Aussagen haben mich total überrascht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es stimmt und wirklich deutsche Spieler in die illegalen Wetten bei Tennisturnieren verstrickt sind", sagte Kühnen am Montag der dpa.

Erschrocken hatte der frühere Weltklassespieler am Abend zuvor einen Bericht in der ARD-Sportschau verfolgt, in dem ein angeblich noch aktiver deutscher Topspieler mit verfremdeter Stimme darüber berichtete, wie er von einem deutschen Kollegen als Strohmann für illegale Wetten angeworben werden sollte. Auch habe der Zeuge beobachtet, dass Spieler in der "Players Lounge" verbotene Wetten abgeschlossen hätten. "Warum aber hat er nicht gleich die ATP-Verantwortlichen alarmiert?" fragte sich nicht nur Kühnen.

"Skandal, Katastrophe"

"Wenn das stimmt, wäre es ein Skandal", sagte Schüttler-Trainer Dirk Hordorff. "Ein Skandal aber ist es, dass ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender wie der WDR Leute bezahlt, die sich anonym vor eine Wand setzen und unerkannt irgendetwas Unbewiesenes erzählen." Dass alle deutschen Tennisprofis dadurch unter Verdacht geraten, bezeichnete der frühere deutsche Davis-Cup-Spieler Bernd Karbacher als "eine Katastrophe". Als Präsident von "Tennis Germany" bemüht sich der Münchner seit einem halben Jahr um ein besseres Image der deutschen Tennisprofis. "Es ist unmöglich, wenn sich ein Spieler anonym äußert und Spekulationen nährt. Das ärgert mich unheimlich."

Die Spielerorganisation tut sich schwer, da lückenlose Beweise offenbar nicht vorhanden sind. Anschuldigungen gegen den Russen Nikolai Dawidenko sind auch nach einem guten Vierteljahr nicht geklärt. Eine Liste mit 140 "belasteten" Matches aus der Zeit zwischen Juli 2002 und September 2007, bei denen auch sieben deutsche Spieler beteiligt gewesen sein sollen, liegt der ATP vor.

Sie werde derzeit geprüft, erklärte die ATP, die "gewisse Probleme" zwar einräumt, "die Integrität" des Weißen Sports aber nicht in Gefahr sieht. Als eine erste Reaktion kündigte ATP-Sprecher Chris Dent an: Spieler, die "unmoralische Angebote" nicht binnen 48 Stunden melden, würden im Extremfall lebenslang gesperrt. Überdies soll es Wettbüros bei Turnieren nicht mehr geben. Die Australian Open und der World Team Cup in Düsseldorf sind die Vorreiter.

Haas hält Wettbetrug für möglich

Auch der beste deutsche Tennisspieler, Tommy Haas, fordert, Namen und Fakten offen auf den Tisch zu legen. Dass es Manipulationen gibt, hält er für durchaus wahrscheinlich. "Aber was wir brauchen sind Namen. Werdet konkret, dann kann man auch konkrete Maßnahmen einleiten", wurde der Wahl-Amerikaner in der ARD-Sportschau zitiert.

"Entweder man hat den Mumm, sich offen zu äußern, oder man sollte den Mund halten", meinte auch Wimbledonsieger Michael Stich. In seiner aktiven Zeit sei er mit dieser Problematik nie in Berührung gekommen. "Aber es gibt sicher nur wenige Sportarten, in denen es theoretisch so leicht ist, Wetten zu manipulieren." (APA/dpa)