Sehenden Auges eine neue Form von Körperlichkeit erfahren: Marina Hands als und in "Lady Chatterley", Pascale Ferrans vielbeachteter D.-H.-Lawrence-Adaption.

Foto: Stadtkino
Die französische Regisseurin erzählt in ihrer Version der "Lady Chatterley" eine sorgfältig konstruierte Emanzipationsgeschichte.


Wien – Eine junge Frau, die einen einfachen Auftrag zu erfüllen hat, gerät unversehens in eine prekäre Situation. Vom Anblick eines fremden Mannes, der sich in einiger Entfernung unter freiem Himmel wäscht, wird sie derart heftig berührt, körperlich affiziert, dass nur noch überstürzte Flucht hilft.

Was in diesem Moment zusammenfällt – und als ein Dreh- und Angelpunkt der Erzählung fungiert –, ist der Unterschied zwischen dem Sehen und dem Fühlen, einem Distanzsinn und einer Erfahrung körperlicher Nähe. Lady Chatterley, Pascale Ferrans aktueller Film, der auf D. H. Lawrences zweiter Fassung seines skandalisierten Romans, John Thomas and Lady Jane (1927), basiert, entwirft von dieser fundamentalen Erschütterung ausgehend eine klassische Entwicklungsgeschichte.

Constance Chatterley (Marina Hands), die junge Ehefrau eines britischen Land- und Minenbesitzers, lässt sich auf eine Affäre mit Parkin (Jean-Louis Coulloch), dem Jagdhüter ihres Mannes, ein. Was mit sexueller Anziehung beginnt, gewinnt von Begegnung zu Begegnung an Offenheit und Intensität. Mit Constance Chatterleys heimlichem Aus- und Aufbruch geraten die Dinge auch anderweitig in Bewegung. Der Film hält stets die unterschwellige Verknüpfung der Beziehungen im Bewusstsein. So beginnt der seit seinem Kriegseinsatz querschnittgelähmte Sir Clifford (Hippolyte Girardot) langsam buchstäblich wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Zuvor hat man bereits erfahren, dass die Erinnerungen der Männer an den Krieg sich auch und zuerst in Erzählungen von versehrten, verstümmelten, toten Körpern niederschlagen. Alle Körper sind gleich, wird in Lady Chatterley einmal sinngemäß – und im Zusammenhang mit der Zeugung von Nachwuchs – konstatiert. Im Film ist in diesem Befund stets das Moment der Gleichwertigkeit inkludiert.

Constance Chatterleys Stärke ist ihre Unvoreingenommenheit gegenüber anderen, mit der sie an Klassenunterschiede gebundene Konventionen sprengt. Dass ihr Mann ihr Verhältnis geflissentlich "übersieht", hat auch mit dessen unerschütterlichem Standesbewusstsein zu tun.

Auf der Leinwand wirkt Constance dabei trotzdem oft mit weit geöffneten Augen wie eine Blinde. Man sieht paradoxerweise vor allem, wie und was ihre Hände erfühlen. Die Darstellung von Sexualität bleibt in Lady Chatterley dennoch verhältnismäßig keusch, wo sie jedoch explizit wird, da ist sie in erster Linie einem Materialismus verbunden. In diesem Sinne ist auch die Analogie zur Natur zu sehen, die sich über den Wechsel der Jahreszeiten, in den wiederkehrenden Aufnahmen von Pflanzen, Landschaften manifestiert.

In Interviews hat die Regisseurin darauf hingewiesen, dass sie ihre beiden Hauptdarsteller, Marina Hands und Jean-Louis Coulloc’h, mit einer Buto-Tänzerin ein spezielles Körpertraining absolvieren ließ. Neben seiner Genauigkeit und Behutsamkeit in Bezug auf physischen Ausdruck, bleibt der Film jedoch auch als eine Lektüre von D. H. Lawrences Roman kenntlich.

Textinserts oder Off-Zitate fügen sich zwischen die gemessen inszenierte Erzählung. Deren historisches Setting zu Beginn des 20. Jahrhunderts bleibt gewahrt, was nichts an der Modernität des Erzählens (und der Zeitlosigkeit des Stoffes) ändert.

Pascale Ferran, deren schmales, aber sehenswertes Werk als Regisseurin und Autorin gerade im Rahmen der Viennale in Österreich vorgestellt wurde, hat sich mit diesem Film jedenfalls nachdrücklich zurückgemeldet. In Frankreich hat sie mit ihrer erst dritten Spielfilmregiearbeit (nach einigen unfinanziert gebliebenen Projekten) gleich fünf der nationalen Filmpreise abgeräumt. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 06.11.2007)