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Ein Rohstofflieferant weidet: Die Pferdemistheizung hilft zum Beispiel Stallbesitzern beim Energie- und Geldsparen.

Foto: AP/Kai-Uwe Knoth
32 Millionen Tonnen tierischer Ausscheidungen fallen in Österreich jedes Jahr an. Da liegt es nahe, das Verdaute wieder zu verwerten und in umweltfreundliche Energie umzuwandeln. Findige Stallbesitzer setzen auf die Pferdemistheizung, bei der Rossäpfel verheizt und eine Menge Kosten gespart werden.

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Es klingt ein bisschen wie das Märchen vom Goldesel - bloß dass es sich bei der "Equitherm"-Anlage um die Verwandlung der Ausscheidungen von Pferden handelt und diese nicht direkt zu Gold, dafür aber zu Energie werden. Und die ist ja bekanntlich auch viel wert. Ganz besonders, wenn ihre Nutzung nicht von den davongaloppierenden Rohstoffpreisen abhängig ist.

"Das Ganze ist auf meinem Mist gewachsen", behauptet Rainer Past, dem die Idee einer Pferdemistheizung gekommen ist, als er vor sechs Jahren gemeinsam mit seinem Kumpanen, dem Dressurreiter Peter Gmoser, im Wirtshaus darüber sinnierte, was man mit den Bergen von immer schwerer zu entsorgenden Pferdeäpfeln machen könnte. Ein Jahr später ging die staatlich geprüfte Equitherm-Anlage im Reitsportzentrum Pannonia im burgenländischen Sieggraben in Betrieb.

Das Rezept ist denkbar simpel: Die gesammelten Pferdeäpfel, die sich im Gegensatz zu anderen Tierexkrementen durch eine geringe Feuchtigkeit von maximal 55 Prozent auszeichnen, werden automatisch in den Kesselraum transportiert und dort verbrannt. Mit der dabei entstehenden Temperatur von rund 800 Grad wird Wasser erhitzt, das die Heizung der Wohnanlagen, der Ställe und der Reithalle sowie die Warmwasserleitungen speist. Der Rest kann ins Fernwärmenetz verkauft, die verbleibende Asche zur Düngung verwendet werden.

"Voraussetzung ist die Einstreuung von Sägespänen oder Hackschnitzeln im Stall", erklärt Past, der bereits Erfahrung mit Heizungs- und Steuerungstechnik hat. Stroh würde, da die Asche bei der Verbrennung schmilzt, die Anlage schädigen. Für Peter Gmoser hat sich die Pferdemistheizung bewährt, auch wenn sie noch "relativ anfällig" und "aufwändig zu bedienen" sei. Der Profireiter, in dessen Stall mehr als 40 Pferde täglich bis zu 200 Kilo Mist und damit eine Leistung von 300 Kilowattstunden produzieren, spart sich nicht nur Ölkosten, sondern auch 3500 Euro im Jahr für die professionelle Mistentsorgung. "Das Problem der Entsorgung wird immer gravierender", weiß Gmoser. Die Verwendung der tierischen Äpfel als Dünger ist aufgrund des Nitrat- und Phosphorgehalts wasserrechtlich reglementiert - auch wenn kompostierter Pferdedung aufgrund seines hohen Nährstoffgehalts bei Rosenzüchtern und Erdbeerfeldbetreibern sehr beliebt ist.

Wirtschaftliche Bedeutung

"Gerade in der Umgebung von Wien ist es sehr schwierig, Abnehmer für Pferdemist zu finden", bestätigt Brigitte Kuttner-Raaz, Expertin für Pferdewissenschaft und -wirtschaft. Immerhin hinterlässt ein Pferd 18 Kubikmeter Mist pro Jahr - bei rund 100.000 Pferden, die derzeit auf österreichischem Boden leben, ergibt das nahezu zwei Millionen Kubikmeter Abfall, der, thermisch genutzt, nicht nur Pferdeliebhaber erwärmen könnte.

Die Verwendung von Tierkot als Brennstoff ist nicht neu und vor allem in Entwicklungsländern weit verbreitet. In baumarmen Regionen wie der Mongolei haben Pferdeäpfel von jeher eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung und gelten als idealer, weil raucharmer Brennstoff. Im bayrischen Wolnzach hat Bürgermeister Josef Schäch das Trocknen in den Stall verlegt und eine Anlage zur Herstellung von Pferdemistbriketts entwickelt: Die Äpfel werden abgesaugt, getrocknet, gepresst und auf direktem Weg der Heizung zugeführt.

Die Rückführung von biogenen Abfällen in den Energiekreislauf ist aber weit mehr als Betätigungsfeld für Hobbybastler mit Erfindergeist, sondern gewinnt angesichts Klimawandel und Ressourcenknappheit immer mehr an Bedeutung. Gülle aus der Rinder-, Schweine- und Geflügelhaltung wird ob ihrer flüssigen Konsistenz in mehr als 300 österreichischen Biogasanlagen vergärt. Das dabei entstehende Gas, zum Großteil Methan, wird thermisch genutzt und zu Ökostrom verarbeitet. Laut Umweltbundesamt fallen in Österreich jährlich 32 Millionen Tonnen an tierischen Ausscheidungen an - mit Abstand der gewichtigste Teil landwirtschaftlicher Abfälle. "Die Landwirtschaft hat erst vor kurzem das Potenzial der Energiewirtschaft entdeckt", meint Elisabeth Friedbacher vom Umweltbundesamt. "Aber das ist stark im Kommen." An skurrilen Ideen zur energetischen Verwertung von Verdautem fehlt es jedenfalls nicht: Britische Wissenschafter fanden heraus, dass Kolibakterien, die im menschlichen und tierischen Darm gedeihen, Schokoladereste in umweltfreundliche Energie umwandeln. Die mit Süßem gefütterten Bakterien produzieren Wasserstoff, der eine Brennstoffzelle betreibt, die wiederum einen Ventilator mit Energie versorgen kann. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11.2007)