Nach einem Vortrag vor Schülern der Theresianischen Akademie beantwortete Ari Rath die Fragen der Zuhörer. "Ihr seid ein wunderbares Publikum", bedankte er sich.

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In den Novemberpogromen 1938 wurden jüdische Bürger systematisch verfolgt, ihr Besitz zerstört und Synagogen verwüstet. Der damals 13-jährige Ari Rath konnte durch seine Flucht der "Reichskristallnacht" knapp entrinnen, erzählte er Schülern des Theresianums Wien.

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Wien - "Bei euch sagt man 'Grüß Gott', und bei uns sagt man 'Shalom' als Gruß, symbolisch Friede, weil er noch nicht besteht." Mit diesen Worten begrüßte Ari Rath die Schüler des Wiener Theresianums, wo er am 4. Oktober einen Vortrag über seine Jugend in Wien, seine Flucht und über die derzeitige Lage in Israel hielt. Der ehemalige Journalist und Chefredakteur der Jerusalem Post hat sein Leben vor allem der Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern gewidmet.

Als Jugendlicher verbrachte der "verwöhnte Wiener Bub" und Durchschnittsschüler viel Zeit damit, sich in - für Jugendliche verbotene - Filme zu schleichen, erzählt Rath. Nach dem Anschluss am 12. März 1938 wurde durch den Einmarsch der Nazis ein "tobender Antisemitismus freigegeben": die Nachbarn trugen Hakenkreuzbinden, betrachteten das Eigentum der Juden als das ihre, und die österreichische Polizei ließ der deutschen SA freie Hand. "Ja, bis März '38 war Wien meine Heimatstadt, seit dem 11. März nur meine Geburtstadt", erzählt Rath. Ab diesem Zeitpunkt sei für ihn klar gewesen, in ein Land auswandern zu wollen, "wo man mich nicht mehr vertreiben konnte", und er bewarb sich - trotz seines "Kinder-Permit", das es ihm erlaubt hätte, nach England auszuwandern - um eine Einwanderungsbewilligung für Palästina. Er war einer von fünfzig der 1500 Bewerber, die einen Platz erhielten.

Ein paar Tage vor seiner Flucht wurde Rath von der SA aufgegriffen, er hätte Alteisen sortieren müssen. Kurz vor dem Arbeitsbeginn am 2. November konnte er mit einem Freund fliehen. "Da gingen wir in einen großen Hof hinein und ich habe gesagt: Wir laufen. Und wir sind gelaufen. Glücklicherweise hat man damals nur geschrien und nicht geschossen."

So konnte der 13-jährige Ari Rath nach Wien und dann nach Israel, er entging der "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November und den Novemberpogromen durch seine Flucht aus Österreich am 2. November 1938.

Doch seine Ankunft in Haifa war für ihn "ein Schock: ins Gelobte Land zu kommen, und es ist eine kriegerische Situation". Denn von 1936 bis 1939 prägten schwere Kämpfe - im Zuge des großen arabischen Aufstandes gegen die jüdische Einwanderung - den Alltag.

Ein weiterer "krasser Übergang" für ihn als "Bub aus einer großbürgerlichen Familie" sei sein erster Arbeitstag gewesen, als Rath mit anderen der Havah-Schule die Senkgruben der Ziehfamilien zu leeren hatte. Nach 16 Jahren körperlicher Arbeit im Kibbuz bekam das Mitglied der zionistischen Jugendbewegung "Makkabi Hazair" 1957 zwei Jahre Studienurlaub. Um sich sein Studium zu finanzieren, nahm er eine Stelle als politischer Journalist der englischsprachigen Jerusalem Post an. Für diese Zeitung war Rath 31 Jahre tätig, die letzten 15 Jahre als Chefredakteur und Herausgeber. Deutsch sei inzwischen für ihn die weit abgeschlagene dritte Sprache, denn er sei fast zweisprachig mit Hebräisch und Englisch und habe Deutsch jahrelang verdrängt.

So auch im Dezember 1946, beim ersten Zusammentreffen zwischen Rath und seinem Vater nach neun Jahren, bei dem beide instinktiv eine Mischung aus Jiddisch und Englisch sprachen, nachdem sie nach der Flucht Raths zähen Briefkontakt gehalten hatten.

1948 wagte er das erste Mal eine Rückkehr nach Wien, als er am Rückweg von den USA einen Transport von "Displaced Persons" leiten sollte.

"Ich ging auf meinen Schulweg, den kannte ich noch. Dieser Weg durch den 9. Bezirk war wie ein Friedhof, denn alle jüdischen Geschäfte, alles war weg. Das war traumatisch", erinnert sich Rath.

"Unser Haus war nicht beschädigt. Und da stand der Sohn des damaligen Hausbesorgers vor mir, in meinem Alter, ich habe ihn sofort erkannt. Er sagte: "Der Ari! Ja, sie wollen sicher ihre Wohnung sehen." Diese hätte er zurückbekommen können, sagt Rath, doch "ich habe die Mieter beruhigt und gesagt, dass ich nur die Tapeten sehen will, die ich als Kind abgekratzt hatte". (Maximilian Pamperl, Hannah Tiefengraber/DER STANDARD Printausgabe, 6. November 2007)