Lieder für den Frieden – Sänger Omer Ihsas.

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Wien – Der Sudan, so heißt es, sei durch seine Lage, als Bindeglied zwischen Arabischem und Schwarzafrika, prädestiniert, kultureller Schmelztiegel zu sein. Doch Bürgerkrieg und Fundamentalismus hemmten jene Entwicklungen im flächenmäßig größten Staat des Kontinents.

Insbesondere seit 1989 Omar al-Bashir mittels Militärputsch an die Macht kam und eine islamistische Politik forcierte. Sänger wurden als "Kommunisten" denunziert, eingesperrt, viele ins Exil, vor allem nach Ägypten, getrieben. "Ich war nahe dran, mit dem Singen aufzuhören. Es passierte oft, dass während Konzerten Soldaten mit Gewehren auf der Bühne standen und ich abbrechen musste", so Omer Ihsas. "Diese Leute glaubten, dass Musik an sich zu verbieten sei. Dabei ist unsere Religion nicht gegen die Kunst. Denn Prophet Mohammed erlaubt im Koran den Leuten, vor ihm zu singen."

Die Situation habe sich nun etwas entspannt, "weil alle Menschen gegen diese Politik waren", perfekt sei die Lage freilich nicht. Omer Ihsas, selbst praktizierender Moslem, muss es wissen. Seit 25 Jahren lässt er sich nicht nur nicht mundtot machen, zudem versteht er es, auf seine Weise Botschaften unters Volks zu bringen. 1958 in Nyala , der Hauptstadt der Provinz Süd-Darfur, geboren, arbeitete er anfangs als Krankenhauspfleger. 1981 folgte er seiner Berufung und übersiedelte in die Hauptstadt Khartum, um an der Musikakademie zu studieren und sich danach mit sudanesischer Unterhaltungsmusik, die die Sufi-Tradition mit teils westlichem Instrumentarium verbindet, einen Namen zu machen. "Meine Lieder handeln von Liebe und von Frieden", so Ihsas. "Im Süden gab es 23 Jahre lang Krieg, ich reiste oft dorthin, um für alle Leute zu singen, Hoffnung zu geben. Ich absolvierte auch viele Auftritte für die Kämpfer, auf beiden Seiten."

Es ist eine Gratwanderung, die Ihsas aufgrund seiner Popularität gelingt: Er vermeidet tagespolitische Stellungnahmen und bringt allgemeine Botschaften unters Volk; er benennt keine Schuldigen, sondern die Ziele Frieden und Versöhnung. "Ich denke, ein Sänger kann vieles bewirken, Schlechtes wie Gutes. Einige schreiben Lieder, um den Kampf zu unterstützen. Ich hingegen singe Lieder, um den Frieden im Inneren der Kämpfer entstehen zu lassen." Nach Beendigung des Bürgerkriegs im Süden durch das 2005 geschlossene Friedensabkommen erwuchs ihm in seiner Heimat Darfur ein neues Betätigungsfeld.

Sein Einsatz beschränkt sich nicht auf Konzerte in den Flüchtlingslagern, er unterstützt auch die in Washington residierende, gegenüber der sudanesischen Regierung kritisch eingestellte Darfur Peace And Development Organization (DPDO) und deren Programme zur Verbesserung der Schulsituation. Seine Philosophie, nur auf positive Botschaften zu setzen, wird auch in einem Youtube-Video evident: Der Clip zu "Darfur Baladna" ("Darfur, unsere Heimat") zeigt einen in eine traditionelle Jellabiya gewandeten Sänger vor dem Hintergrund fruchtbarer Landschaften, mit Seitenblicken auf fleißig lernende Schüler und arbeitsame Leute. Idylle als Realitätsverweigerung? Er sei gebeten worden, nicht in Flüchtlingslagern zu drehen. "Ich schrieb das Lied 1991. Ich fordere darin auf, die Heimat zu achten, Natur zu schützen, Waffen niederzulegen. Dann nenne ich alle Stämme der Region. Ich habe es oft bei Konzerten in der Region gesungen, die Menschen – quer durch alle Stämme – haben zu weinen begonnen." 9. 11., Sargfabrik. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 07.11.2007)