Jeremy Rifkin: "Die Ölquellen werden nicht von einem Tag auf den anderen versiegen."

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Der Abschied vom Öl sei schon eingeläutet. Mit ihm sprach Günther Strobl in Wien.

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STANDARD: Der Ölpreis ist auf Rekordhoch. Alles nur Spekulation oder doch ein Zeichen, dass der Welt das Öl ausgeht?

Rifkin: Ein Mix von allem. Höhere Nachfrage aus China und Indien, politische Instabilität in Förderländern und anderes mehr. Tatsache ist, dass für drei Barrel (jeweils 159 Liter; Anm.), die verbraucht werden, nur ein Fass neu gefunden wird. Das Endspiel um Erdöl hat begonnen.

STANDARD: Schwer vorstellbar, dass Fabriken stillstehen, Wohnungen kalt werden und die Menschen sich wieder zu Fuß bewegen, aus Mangel an Sprit.

Rifkin: So weit darf es nicht kommen. Die Ölquellen werden auch nicht von einem Tag auf den anderen versiegen. Wir sollten die Zeit aber nützen zum Umstieg auf erneuerbare Energien, auch aus Gründen des Klimaschutzes. Wenn wir Öl, Gas und Kohle in dem Umfang wie bisher verbrennen, wird die Erdtemperatur in diesem Jahrhundert um durchschnittlich drei Grad Celsius steigen. Damit würde sich die Menschheit um ihre Lebensgrundlagen bringen.

STANDARD: Der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch ist, weltweit betrachtet, derzeit verschwindend gering. Was macht Sie so zuversichtlich, dass Energie aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse Öl und Gas ersetzen können?

Rifkin: Erstens haben wir gar keine Wahl, zweitens gibt es trotz vergleichsweise geringer Forschungsbudgets schon beachtliche Fortschritte zu beobachten, beispielsweise in der Brennstoffzellentechnologie. In Japan etwa wurden Laptops entwickelt, die ihren Saft aus Brennstoffzellen beziehen. Es wurden auch Züge getestet, die mit Wasserstoff fahren, die Autoindustrie arbeitet ebenfalls daran. Die dritte industrielle Revolution steht vor der Tür.

STANDARD: Warum sollten die Exxons, Shells und BPs dieser Welt ihr Geschäftsmodell ändern. Die verdienen doch blendend?

Rifkin: Das kann sich aber rasch ändern. Vor 20 Jahren beispielsweise gab es große, zentrale Fernsehstationen, Medienkonzerne, Filmgesellschaften. Inzwischen gibt es rund eine Milliarde Menschen auf dem Globus, die ein Handy besitzen, sich dezentral Informationen holen und mit anderen austauschen. Unternehmen, die sich nicht umgestellt haben, sind untergegangen. Ähnliches wird im Energiebereich passieren. Die Ölfirmen sind gut beraten, sich rasch darauf einzustellen.

STANDARD: Und die Dritte Welt?

Rifkin: ...wird profitieren, weil eine dezentrale Energieversorgung Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11.2007)