Eintopfschule. Einheitsbrei. Nivellierung nach unten. Bekannte Schlagworte, mit denen Gegner der "Gesamtschule" gern hantieren. Was aber ist dran an den Vorwürfen, die regelmäßig in der Debatte um eine gemeinsame Schule für die Kinder von zehn bis 14 Jahren?

Professor Johann Bacher, Leiter des Instituts für Soziologie an der Universität Linz, hat die Pisa-Daten von Ländern mit Gesamtschulsystemen bis 16 Jahre (Dänemark, Spanien, Finnland, Großbritannien, Lettland, Schweden) und Ländern mit früher Bildungsentscheidung bzw. differenzierten Schulsystemen (Belgien und Niederlande trennen mit zwölf, Tschechien, Ungarn, und Slowakei trennen mit elf, Österreich und Deutschland mit zehn) analysiert im Hinblick darauf, wie sie die "drei bildungspolitischen Ziele" - hohes Leistungsniveau, Chancengleichheit, individuelle Förderung - erreichen. Die Ergebnisse widerlegen einige der immer wieder vorgebrachten Anti-Gesamtschul-"Argumente".

  • Nivellierung nach unten? Die These, dass Gesamtschulsysteme das Leistungsniveau drücken, ist aufgrund der Pisa-Befunde "nicht haltbar". Bacher: "Bezüglich des Leistungsniveaus gibt es keine Unterschiede zwischen Ländern mit und ohne Gesamtschulsystemen." Der Pisa-Schnitt der Gesamtschulsysteme liegt bei 505 Punkten, jener der Nicht-Gesamtschul-Länder bei 503 Punkten. Es gebe Gesamtschulsysteme, die bessere Durchschnittsleistungen erbringen, aber auch welche, die schlechter abschneiden, erklärt Bacher. Interessantes Detail: "Auch bei den Anteil der Spitzenschülerinnen und -schüler gibt es keine Unterschiede."

 

  •  Sozial gerechtere Gesamtschule? Eindeutig ja. "Die Chancengleichheit ist in Ländern mit Gesamtschulsystemen besser verwirklicht als in jenen ohne Gesamtschulsysteme." Dazu hat Soziologe Bacher die Testleistungen mit der sozialen Herkunft der Kinder (gemessen am Beruf der Eltern) verglichen: Während in Dänemark die Testleistungen nur zu 8,2 Prozent vom Beruf der Eltern abhängen (Gesamtschulsystemschnitt 7,9 Prozent) sind es in Österreich 12,6 Prozent (Nicht-Gesamtschul-Schnitt 13,3 Prozent). Das messe aber nur einen Aspekt der sozialen Selektivität, sagt Bacher. Der "sekundäre Schichteffekt" zeigt, dass "Kinder aus unteren sozialen Schichten nach wie vor deutlich besser sein müssen, um eine AHS-Oberstufe oder eine BHS besuchen". Kinder, deren Eltern keine Matura haben, brauchen sowohl im Lesen als auch in Mathematik um jeweils 48 Punkte, also insgesamt 96 Punkte, mehr als Kinder von Eltern mit Matura, um in eine AHS-Oberstufe oder Berufsbildende Höhere Schule zu kommen.

 

  • Mehr individuelle Förderung in der Gesamtschule? Ja. "Schülerinnen und Schüler aus Gesamtschulsystemen berichten häufiger, individuell von ihren Klassenlehrern gefördert zu werden." Dort gelinge individuelle Förderung besser. Österreich schneidet hier mit einem hohen negativen Wert (minus 0,39, Gesamtschulschnitt: plus 0,10) der individuellen Förderung sehr schlecht ab, selbst in der Gruppe der Nicht-Gesamtschulländer (minus 0,20). Und, so Bachers Studie: "Die Gruppe der Risikoschüler im Lesen ist in Ländern mit Gesamtschulsystemen in der Tendenz geringer." 13,6 Prozent mit Lese-Risiko in Gesamtschulsystemen stehen 18,4 Prozent in Ländern mit früher Bildungsentscheidung gegenüber.

 

  • Drücken Migrantenkinder den Leistungsschnitt? Nein. Die Mär von den Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache, die schuld am schlechten Pisa-Abschneiden Österreichs seien, wird ebenfalls empirisch widerlegt. Ohne Migranten verbessern sich die österreichischen Leistungen nur um zehn Punkte - und Österreich landet wieder im Mittelfeld. (nim/DER STANDARD Printausgabe, 7. November 2007)