Haiko Pfost (li.) und Thomas Frank arbeiteten früher als Theater kuratoren – bevorzugt in den Berliner Sophiensälen oder in anderen "brut"-Stätten internationaler Vernetzungstätigkeit.

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Haiko Pfost und Thomas Frank wollen mehr sein als ein Anhängsel internationaler Koproduktionshäuser.

Wien – Was kann man in einen Namen wie "brut" nicht alles hineininterpretieren: Man hört Schaumweinperlen zerplatzen – man sieht illegitime Kinder, die sich zutraulich an dicht behaarte Greisenbeine schmeicheln, und man fühlt sich an die gelegentliche Verhaltensgebundenheit der schönen Künste erinnert.

Ab Freitag öffnet das neue Koproduktions(doppel-)haus "brut" seine diversen Pforten: Endlich, so scheint es, wartet die zerklüftete, auf vielerlei Umwegen angebahnte Wiener Theaterreform mit einem echten Herzstück auf. Haiko Pfost und Thomas Frank, beide 1972 geboren, sollen quasi einen Kreis quadrieren: die kommunale Theaterlandschaft durchlüften, für eine optimale Anbindung an das internationale Off-Theater sorgen, mit nunmehr 1,5 Millionen Euro Etat eigene Produktionsmeriten ernten und obendrein Fremdgelder in den Regelkreis von Künstlerhaus und Konzerthauskeller einspeisen.

Suchen und Vorfinden

Man habe, sagt Frank im Wiener Künstlerhaustheater, vor Ort eine Infrastruktur vorgefunden, die der Zeit der Neueinrichtung entsprochen hätte (den späten 80er-Jahren): Frank spricht von einer "Unterlassung", nicht etwa von einer "Schuldzuweisung" an die Adresse der Stadt.

Doch weiter im Katalog: Die Verwaltung des "Gesamtkomplexes Künstlerhaus" habe es ermöglicht, dass es durch das Dach regne. Pfost, der ruhigere der freundlichen Dioskuren, weist seinerseits auf die sommerliche Temperaturentwicklung unter dem Dachfirst hin: "Über 40 Grad", ohne Fenster. Genauer gesagt: ein "undefinierbares Glasdach".

Das von Christian Pronay mit viel Beharrlichkeit unter dem Begriff "dietheater" durch die Fährnisse der Off-Theaterentwicklung gelenkte Bühnendoppel habe nicht einmal einen eigenen Video-Beamer gehabt. Frank ergänzt: "Womit wir strukturell konfrontiert wurden, ist ein eklatantes Platzproblem." Die beinahe irrwitzige Reichhaltigkeit des morgen einsetzenden Spielbetriebes wird von allerlei Gewichten gebremst. Bis vor kurzem gab es zum Beispiel kaum Lagerraum zum Anstauen von Produktionen. Doch die Zeiten für 150 bis 200 Besucher sollen endgültig der Vergangenheit angehören: Man spricht von "Integration". Gemeint ist wohl ein Zustrom vonseiten auch peripherer Theaterenthusiasten.

Ansonsten wird eben "vernetzt". Ob das Wiener "freie Theater" nicht auch schon bessere Zeiten gesehen habe? Was haben die beiden Herren überhaupt vorgefunden?

"Das wichtigste ist die Zeit, die man uns einräumen muss", sagt Frank. Wien sei ja nicht besser oder schlechter als andere Theaterspielorte. "Handlungsspielraum" bestehe in der Aufgabe, "Leute anders miteinander in Berührung zu bringen". Frank beschreibt folgerichtig sich und Pfost als "Mediatoren". Die Wiener freie Theaterszene sei einer politischen Tradition entsprungen und hätte ihre Stagnationsphasen hinter sich. Das "Gießkannenprinzip" der unzureichenden, aber allseitigen Förderung könne, aber müsse dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Viele heimische Theatermacher hätten aber nicht die Notwendigkeit verspürt, sich weiterzuentwickeln.

"Wir machen nicht alles anders. Wir fragen aber: Was finden wir vor – und wie kriegen wir das in einen Austausch eingebunden?" (Thomas Frank). Konkretes Beispiel? "Das Grazer Theater im Bahnhof wird hier weiterhin eine Spielstätte haben!" Mit toxicdreams werden geradezu ehrgeizige Pläne gewälzt – Yosi Wanunu, ein unruhig fragender Geist, wird sich dem Zusammenhang von Kintopp-Bilderproduktion und szenischen Darstellungsformen widmen.

"Brauchbare Ansätze" sollen mit internationalen Theaterbekundungen zusammengekleistert werden. Diskurs sei grundsätzlich etwas Schönes – Theorie-Zierleisten gehörten aber nicht unbedingt in den Aufgabenbereich der beiden Aktivisten ("Wenn Sie darunter verstehen, dass wir uns primär als Ermöglicher sehen!", so Frank). Verzichtet würde von Haus aus auf Textneubebilderungen – und jene Grundausbildungstendenzen, die aus freien Theatermachern glatte Vollstrecker des Stadttheaterbetriebes machen.

An den nächsten beiden Tagen darf nahezu die ganze Stadt mitbasteln am neuen "Produktionsgedanken" (so Pfost): Ehe in ausgesuchten Performances über die verschiedenen Lebensalter nachgedacht wird (siehe auch die Homepage), ein zweitägiges Fest – und noch ein Wort aus der Politökonomie: "Wir wollen Hilfestellungen leisten, für eine professionelle Sichtbarkeit sorgen!" Frank: "Alle Veränderung vollzieht sich in der Produktion, wie schon Karl Marx wusste!" Hugh! (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.11.2007)