Malzeit: Mit ruhiger Hand tragen Porzellanmaler Ziffern auf die "Senator Meissen" von Glashütte Original auf.

Foto: Hersteller
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Der Mann, der sich mit gutem Gewissen Mr. Slowhand nennen könnte, sitzt in einer Duftwolke von Terpentin und Nelkenöl vor einem weißen Zifferblatt aus Porzellan, über das sich einmal das Saphirglas einer Armbanduhr wölben wird, tupft den Pinsel in ein Schälchen mit schwarzem Metalloxid, zieht mit ruhigem Strich ein römisches "X" auf die dünne Scheibe im Holzrahmen vor sich. Thomas Hannß, schwarzes Hemd, graue Haare zum Zopf gebunden, schwarzer Goatie, arbeitet seit 28 Jahren als Porzellanmaler in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen. Noch viel länger stellt man hier in der 30.000-Einwohner-Stadt nordwestlich von Dresden Porzellan her, 1710 wurde an diesem Ort gar das europäische Porzellan erfunden, diese feine Mischung aus Kaolin, Feldspat und Quarz. Dass drei Jahrhunderte später jemand wie Hannß nicht nur Schmuckvasen mit Staffagemalerei verziert, sondern auch Uhren, hat handfeste Gründe. Im Ort Glashütte südlich von Dresden steht eine andere Manufaktur, das Uhrenwerk von Glashütte Original, und irgendwann, erzählt Meissens Produktionsleiter Lutz Richter, hätten sich die Chefs beider Firmen gefunden und gesagt: Lass uns etwas zusammen machen. So fanden die Handarbeiter aus dem Elbtalkessel und die aus dem Müglitztal zueinander. 280 Stück pro Jahr Das neueste Baby dieser Kooperation ist 2007 die Uhr "Senator Meissen", für deren Bemalung Hannß einen Tag benötigt. 280 Stück pro Jahr waren ursprünglich geplant, doch schon jetzt geht diese Uhr weg wie verrückt. Weil sie wie kaum eine andere das Alte, Handgefertigte reflektiert und so eine Marktnische besetzt. "Mittlerweile sind die Anforderung von Glashütte Original so hoch, dass wir mehr Leute brauchen", sagt Richter. "Uns treibt's den Schweiß auf die Stirn." Doch seine insgesamt fünf Zifferblatt-Maler lassen sich den Fertigungsdruck in ihren Kammern nicht anmerken, ruhig führen ihre Hände immergleiche Bewegungen aus. Kein Computer auf den Holztischen, dafür Vorlagenblätter mit beschaulichen Motiven, Fabelwesen, asiatischen Drachen, Blumen. Mr. Slowhand hält einen kaugummistreifenbreiten Karton hoch, den er mit Bleistiftstrichen markiert hat - um den genauen Winkel und die Größe der römischen Ziffern messen zu können. "Kein hochtechnologisches Instrument, was?", sagt er und grinst. Mit Bleistift trägt er auch jene Linien auf, die den Platz von I bis XII festlegen. Und wenn Hannß die schwarzen Ziffern und den Glashütte-Schriftzug, die Nummerierung und die blauen gekreuzten Schwerter, Meissens Markenzeichen, aufs Weiß gebracht und sie hat trocknen lassen, geht er mit dem Radierer über das Zifferblatt. Kleine Fehler beim Malen lassen sich vor dem Trocknen noch korrigieren: Terpentin löscht die Farbe wie ein Tintenkiller.

Für den schwerwiegendsten Fehler aber können Hannß und Kollegen ihre Hände gar nicht mehr ins Feuer legen: Denn sobald das Zifferblatt zum zweiten Mal gebrannt wird, können kleine Risse entstehen. Für Hannß hieße dies: Seine Tagesarbeit war umsonst. Handwerklichkeit soll zwar sichtbar sein, doch Fehler im Porzellan toleriert keine der beiden Manufakturen aus dem Hochpreissegment. Für die "Senator Meissen" muss der Uhrenliebhaber Scheine im Wert eines Kleinwagens hinblättern: 14.900 Euro. Damit gehört die Uhr noch nicht in das oberste Luxussegment (ab 50.000 Euro), auf das laut Firmenangaben ein Drittel der produzierten Uhren entfällt. Insgesamt 8000 Uhren pro Jahr verlassen die hellen Hallen des Unternehmens. Zum Vergleich: Die Schweizer Manufaktur Rolex gibt zwar keine Zahlen heraus, doch Branchenkenner gehen von jährlichen Stückzahlen um 240.000 aus. Allerdings waren die Glashütte-Original-Uhren vor dem Einstieg der Swatch Group vor sieben Jahren fast nur in Deutschland bekannt - erst mit dem Zugriff auf die Swatch-Vertriebsstrukturen begann die Internationalisierung der ostdeutschen Marke.

Häufung feiner Uhrmacherkunst

Ob in Meissen oder Glashütte, der Besucher wird das Gefühl nicht los, die Uhren tickten hier langsamer. Erst recht, weil sich das nahegelegene Dresden als Top-Standort für IT-, Nano- und Biotechnologie präsentiert. Computergesteuerte Fertigungsmaschinen, die Platinen & Co herstellen, hat's im Glashütte-Werk natürlich schon. Doch beim Rundgang vorbei an Glasscheiben, hinter denen Blaumänner und -frauen vor Mikroskopen sitzen, Schrauben nicht größer als Fliegendreck in goldene Unruhewerke eindrehen oder Sonnenschliff auf Rädchen perlieren, wird klar, was die hohe Fertigungstiefe des Werks bedeutet. Bei einem durchschnittlichen Uhrwerk soll diese bei 97 Prozent liegen. Und allein die Montage von großen Komplikationen wie Chronografen dauert sechs Wochen.

Das 5000-Seelen-Nest am Rande des östlichen Erzgebirges scheint wie geschaffen für ruhige Taten. Acht Uhrenfirmen siedeln dort, darunter A. Lange & Söhne, Nomos, Wempe. Die liegen so nah beieinander, dass der Sekundenzeiger kaum zwei Umdrehungen schafft, bis man deren Bauten erreicht. Die Häufung feiner Uhrmacherkunst begann 1845, als Adolph Lange Deutschlands erste Uhrenmanufaktur gründete. Weitere Werke folgten. Aus dem verarmten Tal, dessen silberhaltige Glaserze versiegt waren, wurde ein wohlhabendes, auch wenn in den 1920ern beinahe der Trend zur Armbanduhr verschlafen wurde. Die DDR verstaatlichte alle dortigen Uhrenfirmen zum Volkseigenen Betrieb Glashütte Uhren Bau, aus dem 1990 Glashütte Original hervorging. Wie die bewegte Zeit von Unternehmen und Ort im Einzelnen ausschaut, wird ab 2008 ein neues Uhrenmuseum präzise beleuchten. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/09/11/2007)