Wolfgang Bleier: "Verzettelung", Otto Müller Verlag

Tipp
Lesung aus "Verzettelung" am Mittwoch, 14.11., um 15:15 Uhr im "Literaturcafe" auf der Wiener Buchwoche (Rathaus).

Buchcover: Otto Müller Verlag
"Damals hatte ich die Morgenröte im Kopf, und die Morgenstunde hatte das Maul voller Gold." - - - "Dann kräht der Hahn, und der Tod dreht die Sanduhr um. Beim Abschied wachsen die Treppen vor dem Haus und der Weg zum Bahnhof, und die Reise wird immer länger."

So lauten Anfang und Ende von Wolfgang Bleiers "Verzettelung", dazwischen legt der Autor, gleich einem Weber, vielschichtige Beschreibungen von Außen- und Innenwelten, die sich allzeit bereit überkreuzen und verschränken. Als Zettel bezeichnet man in der Webersprache die Gesamtheit der verzetteten Kettfäden. Ein Zettel. Ein Satz. Eine Welt.

Diese "Verzettelung" ist bevölkert von entgrenzten Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge gehen ineinander über und nähren sich gegenseitig, "das Tier ist außer sich", die "ganze Frau blüht", "Häuser mit leeren Häuten" und "Rauhreif wächst über des Körpers lange Zweige". Die Orte sind beseelt, die Menschen Leibmaschinen.

Surreale Akteure

Surreale Akteure, das "kalbsköpfige Ich", "Hirnhäusler" und "Kopffüßler" kommen als kühne Metaphern daher, haben aber unmittelbar einleuchtende Ähnlichkeiten mit realen Figuren. Eine sanfte Atemlosigkeit der Worte und deren unbeirrtes Voranschreiten bilden Pfützen und Seen, in die der Leser hinein springt, es spritzt die Lust und der Schmutz. Bleiers eigensinnige lyrische Bildsprache entwickelt einen Fluss, der traumartig in immer neue und andere Gedankenebenen trägt. Und diese reichen von alptraumartigen bis aberwitzigen Szenarien, als ob der Autor die Welt auf einen Friseursessel setzt und diese meint: "Haareschneiden ist abenteuerlich. Beim Friseur ist ein Mensch verloren gegangen und erst am Wochenende wieder aufgetaucht."

Im Strudel der Assoziationen und Wahrnehmungen erobert dieses Buch gleich einem Geliebten, der Labyrinth und Vogel gleichermaßen ist, und schreit: "Fuck, I don’t wanna be enträtselt". (schatz, derStandard.at, 14.11.2007)