Innsbruck/Mödling - Dass der kleine Luca misshandelt worden ist, hatten zu Lebzeiten des Buben gleich mehrere Ärzte in verschiedenen Spitälern festgestellt. Doch diese Diagnosen samt folgenden Beratungen mit den jeweils zuständigen Jugendwohlfahrtsbehörden retteten sein Leben nicht: Luca starb am Samstag vor einer Woche mit nur 17 Monaten im Wiener SMZ-Ost an einem Hirnödem.

"Dringender Verdacht"

Nach dem Vorstand der Kinderabteilung im Krankenhaus Mödling, Erwin Hauser, bestätigte am Freitag auch der Oberarzt der Innsbrucker Kinderklinik, Jürgen Brunner, einen "dringenden Verdacht auf Kindesmisshandlung" im Juli 2007. Das Kleinkind habe "Hämatome am linken Gesäß, an beiden Wangen, am linken Ohr sowie am rechten Oberarm" aufgewiesen, schilderte Brunner im ORF-Radio. Die Verletzungen seien zwar nicht sehr schwer gewesen, hätten aber von ihrem Muster her auf Gewaltausübung als Ursache schließen lassen.

Wie der Mödlinger Pädiater Hauser verständigte auch Brunner das zuständige Jugendamt in Schwaz. Wie die Mödlinger Behörden entschied auch dieses, dass Luca unter Auflagen daheimbleiben dürfe.

Gleichlautend, wenn auch mit der Auflage verbunden, "engmaschigere Kontrollen" durchzuführen, war die Entscheidung in Schwaz dann drei Monate später, als der Bub mit einem gebrochenen Unterarm in die Innsbrucker Klinik kam. Er durfte zu seiner Mutter und deren 23-jährigen Lebensgefährten zurück, der jetzt verdächtigt wird, Luca die tödlichen Verletzungen zugefügt zu haben.

Offene Fragen

Für die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits wirft der Ablauf der Ereignisse im Gespräch mit dem Standard "eine ganze Reihe von Fragen" auf: "Haben sich die beteiligten Jugendämter jener Checkliste bedient, die bundesweit Kriterien für die Prüfung einer familiären Gewaltsituation aufstellt? Wurden die Entscheidungen, wie es fachlich verlangt wird, nach dem Vieraugenprinzip gefällt?" Würden Unterbringungsfragen gemeinsam mit einem zweiten Experten als "Sicherheitsnetz" erläutert, so sei die Chance höher "echte Kooperation der Klienten von Scheinkooperation zu unterscheiden".

Für gründliche Beratungen und ebensolche Entscheidungen fehle der Jugendwohlfahrt oft das Geld, kritisiert Pinterits. Der öffentliche Zwang zum Sparen habe dazu geführt, dass "der Personalschlüssel in vielen Jugendämtern von Technokraten auf der Grundlage von 20-Minuten-Gesprächen pro Klient aufgestellt wird". Doch um in komplizierteren Fällen überhaupt Vertrauen aufbauen zu können, "muss man pro Klientengespräch mindestens eine Stunde rechnen".

Außerdem werde laut Jugendwohlfahrtsgesetz zu sehr auf die Rechte der Erwachsenen und zu wenig auf jene der Kinder Bezug genommen: "Kinder sollten hier eigene Rechte zuerkannt werden", fordert Pinterits. (bri, DER STANDARD Printausgabe, 10./11.11.2007)