Gustav Ernst: "Tollhaus. Dialoge. Szenen. Kleine Stücke", Sonderzahl Verlag

Buchcover: Sonderzahl Verlag

Zur Person
Gustav Ernst
, geb. 1944, schreibt Romane, Stücke, Drehbücher. Gemeinsam mit Karin Fleischanderl Herausgeber der Literaturzeitschrift kolik.

Foto: Sonderzahl Verlag
An alltäglichen Orten wie Wartesaal, Gasthaus, Parkbank, Stiegenhaus, Friedhof, Schlafzimmer finden die kleinen und die großen Themen statt, da begegnen sich die Menschen und zugleich ihre privaten Katastrophen, die Lakonie der Liebe, Spielarten der Sexualität, das mit dem Tod in Lachhaft genommene Leben, - im Mittelpunkt immer der Körper.

- "Aber eine Chance muss man ihnen doch geben. Den Slowenen, damit sie sich eingliedern."
- "Ich will aber nicht, daß sie sich eingliedern. Wo ich bin, ist kein Platz mehr zum Irgendwas eingliedern. Klar. Wo mein Glied ist, hat kein anderes was verloren." ...

In "Tollhaus" zeigt sich einmal mehr die Sprache des Autors als eine der massiven Körperlichkeit, der Ton ist direkt und mitunter frivol, unbefangen und unverschämt, bisweilen angriffslustig, manchmal verzweifelt, in Worten ringen Figuren um die Zeit der Stille, ihren Platz im Wartezimmer oder den Wert ihrer Existenz. So öffentlich all die szenischen Dialoge stattgefunden haben mögen, sie wirken bisweilen intim auf den Leser, der als stiller Voyeur den Wortspektakeln folgt.

- "Ich halt das nicht aus, wie du da sitzt."
- "Ich sitz ganz normal da."
- "Du sitzt normal da?"
- "Ich sitz da wie jeden Tag beim Frühstück." ...

Szenen, Sprache, Körper

In "Die Frau vom Finanzminister" wird deren Körper von oben bis unten auf Häßlichkeit und Schönheit untersucht. Ehrliche Empfehlungen eines Kellners lassen des Gast in "Mahlzeit" bei nur ein wenig mehr als heißen Tee enden. Eine Nicht-Zaundürre droht in "Dicker als die Polizei erlaubt" mit 50 befreundeten Zweiundvierzigern, den Laden zu stürmen, und alles Gekaufte auf Geschäftskosten in die Änderungsschneiderei zu geben. In "Midnight" liegt ein Paar im Bett und erzählt sich als Vorspiel die abenteuerlichsten Mordgeschichten. "Wahnsinn!": Von Brustprotesenhalterungen bis Trachealkanülen wird das Alfabet der verschreibbaren Heilmittel durchexerziert. Zwei Frauen setzen in "Magere Jahre" den Wert ihrer Existenz mit verschieden gestiegenen Löhne gleich.

Und natürlich ist Sexualität in "Tollhaus" ein ergiebiges Thema. So stehen fünf Frauen am Grab des mehr oder weniger Geliebten und deklinieren sich durch Spielarten sexueller Praktiken, Worte ergießen sich wie die beschriebenen Körpersäfte. Bestimmte Wörter und Begriffe beherrschen einzelne Szenen, bekommen Funktion, aber selten höhere Bedeutung. In einem Dialog beginnt ob der stereotypen Antwort "lachhaft" ein ernster Streit. In einer anderen Szene kalmierten sich zwei Männer, die über das delikate Thema ihres schwindenen Interesses an Sex reden, durch ständiges Wiederholen des Wortes "detto".

- "Haben Sie noch Gusto auf Sex?"
- "Nicht dass ich wüßte."
- "Ich detto."
- "Sie detto?"
- "Ich detto."
- "Was man sich da erspart."
- "Sag ich meiner Frau auch immer."
- "Ich detto."
- "Sie detto?" ...

"Sanfter Sprengmeister"

Wie schon in den anderen Publikationen von Ernst Gustav kreist auch in "Tollhaus" alles um Verständigung, Annäherung und Beziehung, geistig oder körperlich, jeder Versuch, einander zu verstehen, verlangt nahezu unabwendbar auch sein Gegenteil: Missverständnisse, Wortverdrehungen, Haarspaltereien und Fehlschlüsse prägen die Kommunikation zwischen den Personen.

In einer Rezension wird Gustav Ernst als sanfter Sprengmeister bezeichnet. Er schaut den Leuten auf das Maul, katapultiert Dialoge aus der Wirklichkeit, schneidet sie aus, spitzt sie zu und bearbeitet sie präzise. Und in dieser Verdichtung sind sie vor allem eins: frontal und witzig. (schatz, derStandard.at, 16.11.2007)