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Die Industrie ist gegen den deutschen Güterverkehrsstreik gerüstet, warnt aber vor längeren Ausständen.

Foto: Reuters
Wien – Bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ist bis heute, Freitagfrüh, nur ein Zug durch den Streik der Deutschen Bahn im Güterverkehr ausgefallen. Über Nacht seien alle Güterzüge planmäßig gefahren, teilte ein ÖBB-Sprecher heute der Austria Presseagentur mit. "Wir sind positiv, dass diese Entwicklung anhalten könnte", so der Sprecher.

Österreichs Industrie indes ist ohnedies gut vorbereitet und hat wegen der Lokführerstreiks in Deutschland jene Transporte, die sonst über die Schiene laufen, größtenteils auf Lkw verlegt. Heute Freitag ist deswegen auch mit erhöhtem Laster-Aufkommen auf den Autobahnen aus und in Richtung Deutschland zu rechnen. "Der Streik war seit Tagen absehbar, wir haben alle Containerlieferungen aus Antwerpen, Hamburg und Bremerhaven auf die Straße verlegt", berichtet etwa Bernd Oberzaucher, Sprecher von Magna Steyr. Das Grazer Autowerk bekommt vor allem Teile von Chrysler und Jeep per Bahn geliefert – 80 Container pro Tag (je nach Fahrzeugtechnik 40 bis 80 Lkws). BMW Steyr liefert seine Aggregate bisher schon per Truck aus. Die Anlieferung der zu verbauenden Teile wurde bereits "vor einiger Zeit als Vorsichtsmaßnahme" auf Lkw verlegt, so Rudolf Handlgruber, Sprecher des größten BMW-Motorenwerks. Beim General-Motors-Werk in Wien kümmern sich die Kunden selbst, die GM-Autowerke um die Abholung der Motoren und Getriebe, per Lkw.

Ausweichen über andere Länder

Die Voestalpine, die Stahlprodukte auch vor allem an Autowerke in Deutschland, Belgien und Frankreich per Bahn verbringt, stellt die Just-in-Time-Lieferungen auf Lkw um, weicht aber auch über die Schweiz in Richtung Frankreich aus, berichtet Sprecher Peter Schiefer. "Wir transportieren normalerweise 80 Prozent auf der Schiene", heißt es seitens der Sappi Papierindustrie im steirischen Gratkorn. "Pro Tag sind das 1700 Tonnen Papier die auf der Schiene nach oder über Deutschland gehen", sagt Geschäftsführer Max Oberhumer, "zurzeit sind wir vom Streik nicht übermäßig betroffen. Sollte sich dieser verhärten, hat das aber massive Auswirkungen auf die Industrie."

Mehr Transport auf der Straße

Zwischen Österreich und Deutschland verkehren pro Tag ungefähr 500 Güterzüge – in beide Richtungen. 15 Prozent davon wollten die ÖBB am Donnerstag aufrecht erhalten, nämlich jene, die mit Lokführern besetzt sind, deren Gewerkschaften nicht zum Streik berechtigt sind. In Österreich ist der Anteil der Bahntransporte im europäischen Vergleich hoch. "Der Streik könnte manche Unternehmen dazu veranlassen, wieder mehr auf der Straße transportieren zu lassen", sagt Rudolf Bauer, Geschäftsführer des Fachverbandes Güterbeförderung, "und das wäre nicht gut. Der Punkt-zu-Punkt-Verkehr gehört nicht auf den Lkw."

Auch in Deutschland ist die Wirtschaft für den Streik gerüstet – vor allem die Autobauer. VW, wo man 30 feste Zugverbindungen von Werk zu Werk täglich hat, erwägt im Falle eines längeren Arbeitskampfes Kurzarbeit. Porsche will einen großen Teil der Transporte auf die Straße verlagern, BMW könnte auch kurzfristig die Zwischenlagerung neu organisieren. Der Stahlproduzent ThyssenKrupp, einer der größten Kunden der Deutschen Bahn, hat sich eine eingeschränkte Zulieferung zusichern lassen. BASF, der weltweit größte Chemiekonzern, stockte in seinen Werken extra die Lagerbestände auf. Dennoch könnte der Bahnstreik die deutsche Wirtschaft stark treffen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat berechnet, dass ein Streiktag im Güterverkehr einen volkswirtschaftlichen Schaden von 25 bis 50 Millionen verursacht.

Seehäfen betroffen

Besonders hart betroffen sind die deutschen Seehäfen, zu und von denen die meisten Waren per Schiene transportiert werden. "Ein Streik ist für uns eine Katastrophe. Nach zwei oder spätestens drei Tagen sind Häfen wir Hamburg oder Bremerhafen absolut dicht", sagt Detthold Aden, Verbandschef der Deutschen Seehafenbetriebe. Und Norbert Bensel, Logistik-Vorstand der Bahn, berichtet, im Hamburger Hafen seien schon vor Tagen Container mit dem Hinweis "Nicht mit der Deutschen Bahn weiterbefördern" angekommen. (Leo Szemeliker, Birgit Baumann, DER STANDARD, Print-Ausgabe/red, 9.11.2007)