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Betroffenheit bei den Jugendlichen nach der Schießerei in einem Gymnasium der Stadt Tuusula; ein finnischer Jugendforscher fordert nun mehr Sozialarbeit im Internet, wo die Jugendlichen ihre Ideen verbreiten.

Foto: AP
Helsinki - In Zukunft müssen Sozial- und Jugendarbeiter ihre Aktivitäten in viel stärkerem Ausmaß als bisher direkt im Internet und über entsprechende virtuelle Plattformen ausüben. Diese Forderung erhob der finnische Soziologe Mikko Salasuo vom Finnischen Netzwerk für Jugendforschung am Tag nach dem Amoklauf eines 18-jährigen Maturanten an einer Schule nördlich von Helsinki, bei dem insgesamt neun Menschen starben.

Unter den Toten ist auch der Amokschütze, der seine Tat über mehrere Foren im Internet vorangekündigt und begründet hatte; eine Vorgangsweise, die auch schon bei vorangegangenen Taten dieser Art in anderen Ländern üblich war.

Salasuo dazu: "Es ist ein sehr großer Bedarf vorhanden, das Internet als einen sozialen Aufenthaltsort, wo sich junge Leute treffen, ernst zu nehmen. Nicht in dem Sinn, dass es gefährlich wäre, aber das Internet wird immer noch nicht als ein Ort gesehen, wo junge Leute ihre Zeit verbringen, soziale Kontakte knüpfen und sich selbst darstellen." Hohe Net-Nutzung

Salasuo verweist auf Statistiken, denen zufolge rund 55 Prozent aller Finnen zwischen 13 und 19 Jahren mindestens einmal pro Woche eine dieser Plattformen besuchen und 91 Prozent aller finnischen Jugendlichen im Schnitt eineinhalb Stunden täglich im Internet verbringen.

"Wenn man gleichzeitig darauf schaut, wie viel von dem Geld für Jugend- und Sozialarbeit im Internet ausgegeben wird, so sind das weniger als ein Prozent von allen Aktivitäten in diesem Bereich", gibt der Jugendforscher zu bedenken. Zwar gebe es bereits seit einigen Jahren international Ansätze für Sozialarbeit im Internet, wie etwa das Jugendportal Habbo Hotel, seiner Ansicht nach müsse dieser Trend aber von den jeweiligen Regierungsverantwortlichen viel schneller und mit mehr Nachdruck verfolgt werden.

Amokläufe wie jener in Tuusula, aber auch andere Fälle mit psychisch auffälligen Einzeltätern, zum Beispiel der Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh oder jener 19-jährige Finne, der sich am 12. Oktober 2002 im Einkaufszentrum Myyrmanni in Helsinki in die Luft sprengte, machten deutlich, dass es in der Gesellschaft "einen sehr großen Bedarf für pädagogische Arbeit und pädagogische Stimmen im Internet gibt." Kontrollen nutzlos

Von dem auch in Finnland als Reaktion auf die Bluttat vom Mittwoch laut gewordenen Ruf nach mehr Kontrolle an den Schulen hält Salasuo nichts: "In meinen Augen ist das definitiv der falsche Ansatz. Wir wissen sehr gut aus internationalen Erfahrungen, dass eine verschärfte Sicherheitskontrolle an Schulen oder das Einschränken des Internetzugangs für Schüler keine präventive Wirkung hat."

Sehr wohl zu hinterfragen seien aber in dieser Hinsicht die jeweils gültigen Waffengesetze, sagt der Jugendforscher. "Auch wenn Finnland zumindest in Hinblick auf Handfeuerwaffen bereits ein ziemlich striktes Gesetz besitzt.

Insgesamt glaubt Salasuo, dass sich die öffentliche Diskussion in den kommenden Wochen und Monaten darum drehen wird, was am Schulsystem und am Gesundheitssystem der Schulen in Finnland verbessert werden kann. Insbesondere Besonders das Gesundheitssystem sei, wie viele der Kritiker meinen, in den vergangenen zehn Jahren "heruntergekommen". Die Diskussion über Gewalt und der Einfluss der Medien auf Gewalt sei dagegen bereits in den 80er-Jahren mit dem Aufkommen von Videorekordern und dem Massenkonsum von gewalttätigen Filmen geführt worden.

Heutzutage sei es wichtig, mit Schülern, Lehrern und Betreuern zu diskutieren, wie man mit den psychischen Problemen der Jugendlichen auf sensible Weise umgehen könne, betont Salasuo. Dabei sei auch zu berücksichtigen, dass junge Menschen ihre Ideen eben nicht mehr "wie vor zehn Jahren vielleicht auf einem Videoband oder wie vor 20 Jahren in einem Tagebuch" aufzeichneten. (APA)