Zur Person

Kathrin Resetarits, geboren in Wien, studierte Regie an der Wiener Filmakademie und spielte in mehreren österreichischen Filmen unter anderem in Barbara Alberts "Böse Zellen" und "Fallen" sowie in Jörg Kalts "Crash Test Dummies". 2006 war sie der "Shooting Star" Österreichs beim internationalen Filmfestival von Berlin, der Berlinale.

Foto: Czernin Verlag

Tipp

Am Mittwoch, den 14.11. (14.00 Uhr) liest Kathrin Resetarits im Literaturcafé im Rathaus aus ihrem Buch "Vögel sind zu Besuch".

Foto: Czernin Verlag
Zugegeben, das kommt jetzt aus dem Bereich der Naseweisheiten daher: Das echte Lesevergnügen beginnt beim Buchcover. Bitteschön. Wer sich nach dem Titel von Kathrin Resetarits’ "Vögel sind zu Besuch" (2007, Czernin Verlag) eine Horde von kleinen, artigen Flugdingern vorstellt, womöglich in Warteformation auf Gastfreundschaft – wer also auf märchenhafte Romantik hofft, liegt nicht ganz falsch. Und doch hat Ulrich Schuelers Umschlaggestaltung einen Schwarm fliegender Fische – abgehetzt, glitschig und starrend – zum Sprachbild des Titels addiert. Resetarits hat für ihre erste Buchveröffentlichung Kurzgeschichten gesammelt: Dabei werden 52 Persönlichkeitsminiaturen in ihren romantisch-verschrobenen Alltagsschleifen ausgestellt, und diese abgehobenen Lebenswelten samt Einwohnerschaft biegen sich ins Surrealistische weiter. Tiere, ganz besonders fliegende, spielen übrigens eine untergeordnete Rolle.

Kathrin Resetarits (34) spielt in Filmen – zuletzt in Barbara Alberts "Fallen" (2006), oder heimst für ihre Kurzfilme Preise ein, wie für "Fremde" bei den Kurzfilmtagen Oberhausen 2000, oder schreibt an den Kabarettprogrammen ihres Vaters Lukas mit, oder besorgt das Casting für Michael Haneke. In den Zwischenzeiten schreibt sie zusätzlich noch Menschenwesen herbei, die in eigene Atmosphären entrückt, nur (noch) unter diesen Bedingungen lebensfähig sind, und gerade deshalb sowohl störrisch wie anmutig erscheinen, schwerst-traurig und gleichzeitig unverhofft komisch: Gleich zu Beginn bei "die nachbarn klopfen" begegnen wir einer Person, die nur noch auf das tägliche Hämmern der Nachbarn wartet, es ergründen möchte, sich dabei verstrickt und es zu ihrer alleinigen Lebensgrundlage werden lässt. Ein paar Seiten weiter beschränkt sich eine Frau auf die Pflege ihres emotionalen Unterhaltungswerts; "sie meldet sich telefonisch" beim Hallenbad- oder Stadionpersonal, erfindet Familiennotlagen und lässt auf deren Basis ihren imaginären Ehemann ausrufen.

Solche Bilder aus der gern geöffneten Themenkiste für die große Vereinsamung in der Eventgesellschaft gibt’s bei Resetarits glücklicherweise hauptsächlich mit haarsträubenden Fantasiehüllen überzogen. Die erinnern an jene, die in der Kindheit eine noch unfassbare Realität ordnen lassen. So treffen wir in "ich und mein kind" auf eine Person, die ausschließlich auf ihr Kind angewiesen sein will; Hund- und Maulwurfbesuche sind akzeptiert. Aber grundsätzlich brauchen sie nur einander, solange das Kind "grünt und blüht". Genauso werden diese kindlichen Realitätsüberzüge erwachsen, wie beim "großen Mickeymausmann", der sich unglücklich in die Linda Evangelista verliebt und eigentlich den Kindern nichts mehr zu bieten hat. Kinderlied-Inhalte, Enid-Blyton-Romantik, Steinschleuder-Aktionismus, Wanderzirkusexzentrik, Anleihen an Pop- und Geschichtskultur – Alles scheint aus der kindlichen Logik geboren und mit erwachsener Stringenz ans groteske Ende geführt. Dabei hat Resetarits der Großschreibung abgeschworen, ihr Personenuniversum entsteht in einfacher, direkter Sprache. Nur an wenigen Stellen, dann nämlich, wenn Redewendungen zur Persönlichkeitszeichnung herhalten müssen, fällt diese Sprachwelt auseinander. Jedenfalls holt die Autorin ihre Leser im vermeintlich Altbekannten ab: Die Figuren wachsen aus ihren Beziehungen zur Familie.

Das ist effektiv, wie raffiniert: Jeder hat Familie; man fühlt sich instinktiv mit ihnen verbunden. Umso grotesker wirkt es, wenn sie im Erzählfortschritt so konsequent aus ihren Familienrollen fallen. Und erst in dieser Enttäuschung wird bewusst, auf welchen Wissenslücken die vormalige Vertrautheit mit den Hauptfiguren gebaut wurde – oftmals bleibt selbst ihr Geschlecht rätselhaft. Und für ernsthafte Beziehungsarbeit mit anderen Charakteren sind sie natürlich zu unflexibel, zu professionell im Umgang mit den eigenen Widrigkeiten, zu selbstverliebt. Ein toleranter, weltverbundener Völkerverständigungsprofi im Mittelteil des Buches: "natürlich könnte ich jetzt auch ausführlich darüber berichten und die welt ein klein wenig mit meinen erkenntnissen verbessern. Zufällig muss ich aber leider gerade jetzt dringend weg." Solch spröde, eigenwillige Lebensungeheuer werden auf jeweils weniger als acht Seiten ausgebreitet. Am besten trifft man sie wahrscheinlich in Kleinstgruppen, kurz vorm Einschlafen! (Georg Petermichl, derStandard.at, 9.11.2007)