De Cillia: "Es gibt ja momentan kein entsprechendes Studium – Türkisch oder Albanisch kann man nicht als Lehramt studieren. Es gibt also nicht einmal die Möglichkeit, die Lehrerinnen qualifiziert auszubilden."

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"Es wurde viel versäumt", bilanziert Sprachwissenschafter und Migrationsexperte Rudolf de Cillia von der Uni Wien im Gespräch mit derStandard.at über die Sprachförderung junger MigrantInnen. Wie wichtig die Einbindung der Eltern in den Schulalltag ist, wie man Jugendlichen bewusst machen kann, dass "ihre" Sprache etwas wert ist und warum man dazu eine Reform der LehrerInnenausbildung braucht, darüber sprach De Cillia mit Anita Zielina.

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derStandard.at: Wie stehen wir momentan da, was die Sprachförderung junger MigrantInnen angeht?

De Cillia: Mein Eindruck ist: Wir sind momentan im Umbruch, es sind diverse Maßnahmen geplant oder neu umgesetzt im Bereich Sprachförderung. Das, was in den vergangenen Jahren passiert ist, kann man aber natürlich nicht in einem Jahr verändern, das ist eine heikle Materie.

derStandard.at: Wo sind Änderungen nötig?

De Cillia: Inwieweit die Sprachfördermaßnahmen tatsächlich gegriffen haben, habe ich nicht verfolgt. Aber es scheint so, als hätten die Projekte, die in Wien Deutsch als Zweitsprache behandelt haben, gut gegriffen. Was immer noch fehlt: Eine integrative Förderung – Muttersprache parallel zu Deutsch als Zweitsprache. Da ist noch viel zu tun.

derStandard.at: Zum Thema Muttersprachenförderung – Dass hier mehr investiert werden müsste, fordern Experten seit Jahren. warum passiert da immer noch wenig?

De Cillia: Es geht eben um Geld. Man muss zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer anstellen, die in den wichtigsten Muttersprachen ausgebildet sind und unterrichten können. Man braucht Teamteaching, um die Muttersprache zu fördern. Es gibt zwar ein paar LehrerInnen, man bräuchte aber sicherlich mehr.

Und dann sind wir beim Problem LehrerInnenausbildung: Es gibt ja momentan kein entsprechendes Studium – Türkisch oder Albanisch kann man nicht als Lehramt studieren. Es gibt also nicht einmal die Möglichkeit, die Lehrerinnen qualifiziert auszubilden. Soweit ich es weiß, ist das auch an den Pädagogischen Hochschulen nicht geplant – weder die Ausbildung für muttersprachlichen Unterricht in Migrantensprachen noch ein Curriculum für Deutsch als Zweitsprache.

derStandard.at: Wir sprechen immer über den Schulbereich – was ist mit dem Kindergarten? Beginnen wir Fördermaßnahmen zu spät?

De Cillia: Man fängt zum Glück jetzt damit an. Es wurde viel versäumt. Einer der Gründe ist, dass Kindergärten in Österreich Ländersache sind und es keine Bundeskompetenz gibt. Es wäre dringend eine bundesweite Regelung nötig. Der Kindergarten ist ein Teil des Bildungssystems. Wir brauchen eine akdemische Ausbildung der Kindergarten-PädagogInnen, da kommen wir nicht drum herum.

Wir sind eines der letzten Länder, in denen es sie noch nicht gibt. Die Altersgruppe, die für den Spracherwerb besonders sensibel ist, hat also den niedrigsten Status in der Ausbildung. Damit will ich nicht sagen dass KindergärnterInnen keine gute Arbeit leisten – im Gegenteil. Aber das Niveau der Ausbildung muss gehoben werden. Der Zug zu einer gemeinsamen Ausbildung für alle PädagogInnen ist mit der letzten Reform erst mal abgefahren – mit den Pädagogischen Hochschulen hat sich nichts wesentliches geändert.

derStandard.at: Wie kann man den Zugang von jungen MigrantInnen zu Sprache verändern?

De Cillia: Es ist wichtig, dass Kinder mit anderer Muttersprache in Kindergarten und Schule nicht stigmatisiert werden und den Eindruck gewinnen: Meine Sprache, die ich zu Hause spreche, ist nichts wert. Die muss ich verbergen, weil sie kein Prestige hat. Das ist sonst der erste Knacks im sprachlichen Selbstbewusstsein.

derStandard.at: Was können LehrerInnen oder SchulleiterInnen tun um da gegenzuarbeiten?

De Cillia: Es gibt gewisse Schritte, die nicht einmal etwas kosten. Es geht um die symbolische Akzeptanz von Anderssprachigkeit. Es bringt schon viel, Vielsprachigkeit sichtbar zu machen, etwa durch Anschläge in Schulen, dadurch, bei Elternsprechtagen mit Eltern in ihrer Muttersprache zu reden, Schulmessen in verschiedenen Sprachen abzuhalten, in Schulbibliotheken Bücher in verschiedensten Sprachen anzubieten. Das vermittelt das Gefühl: Meine Sprache wird wertgeschätzt und in den Alltag einbezogen

Es wurden etwa vom Sprachenkompetenzzentrum Materialien entwickelt, die die Lehrer in den unterricht einbeziehen können, mit denen sie Schülern vermitteln können: Mehrsprachigkeit ist etwas Wertvolles. Fast 50 Prozent der SchülerInnen in den Wiener Pflichtschulen haben eine andere Erstsprache als Deutsch.

derStandard.at: Wie haben jetzt darüber gesprochen was LehrerInnen tun können – wie wichtig sind Eltern in der Sprachförderung?

De Cillia: Die Einbindung der Eltern in den Schulbetrieb halte ich für sehr wichtig. Es muss ihnen vermittelt werden dass es wichtig ist, Kinder auch in der Muttersprache zu fördern, nicht nur in Deutsch. Oft gibt es den Trugschluss bei Eltern: Die eigene Sprache kann das Kind ohnehin. Die braucht es in der Schule nicht zu lernen.

Das ist aber falsch, man muss beides zusammen behandeln. Wenn man die Muttersprache fördert, schafft man Voraussetzungen für das Erlernen der Zweitsprache und weiterer Fremdsprachen. Das den Eltern zu vermitteln wäre wichtig. Sonst wäre das so, wie wenn deutschsprachige Kinder in der Schule nicht Deutsch lernen, sondern nur Englisch, weil man das wichtiger findet. Die könnten dann nicht rechtschreiben, sie könnten das Präteritum der starken Verben nicht, würden grammatische Strukturen des Deutschen nicht wirklich gut beherrschen. Bei den 90 Schulen, die “Mama lernt Deutsch“ - Kurse gemacht haben, hat sich gezeigt, wie gut diese Einbeziehung der Mütter einerseits für das empowerment der Frauen ist, andererseits auch für den Schulerfolg der Kinder. (Anita Zielina, derStandard.at, 9.11.2007)