Cover: Oetinger
Pippi war meine erste allerbeste Freundin. Sie wohnte ums Eck in einem seltsamen Haus, der Villa Villekulla. Es war gelb gestrichen, was schon mal was Arges war, denn Häuser sind normalerweise rot. In Schweden. Denn Pippi lebte dort, wo meine Mama herkam, in Schweden. Im Land mit den uniform roten Häusern und den knallweißen Fensterrahmen. Klar, dass eine kunterbunte Villa Aufsehen erregte. Aber das war nicht alles, was die mutterlose Pippi gegen den Strich bürstete.

Pippi trug verschiedenfarbene Strümpfe, ihre Zöpfe standen wirr vom Kopf und Pippi war stark und furchtlos. Herr Nilsson turnte durchs Haus, ein katzengroßer Affe, und in der Küche graste ein Pferd, das in den Pippifilmen Kleiner Onkel gerufen wurde. Pippi machte alles, was braven Kindern verboten war, sie war der Gegenentwurf zum bürgerlichen Kind. Die bärenstarke Pippi war eine sommersprossige Droge, der Anika und Tommy, die Nachbarskinder aus der heilen Welt mit Haut und Haar verfielen. Anders als Kasperl und Pezi hielt Pippi Polizisten für Deppen und das Jugendamt für irre. Als minderjährige Privatrevolutionärin war Pippi im Dauerclinch mit dem Konservativismus. Das gefiel mir. Und das ist nie weggegangen. Und dann war da noch die Geschichte mit Pippis Vater, Ephraim, dem Kapitän der Hoppetossa, der im Exil auf Taka Tuka lebte und König war.

Das war ganz wie bei uns. Mein Urgroßvater Adolf Pettersson war auch Kapitän gewesen. Unsere Schränke waren voll mit den Mitbringseln aus seinem Taka-Tuka-Land: Afrikanische Hirschgeweihe, verzauberte Säbel, rasselnde Muschelketten, kleine und große Buschtrommeln, ein Straußenei, ein Kompass und der heilige Sextant. So jemanden wie Pappa Pettersson hatten die Anikas und Tommys aus meiner Schule nicht in der Familie. Einen echten Kapitän, der im fernen Kongo an der Schlafkrankheit gestorben war. Klar, dass ich eine Pippi wurde. Andrea Maria Dusl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.11.2007)