Ein Land mit einer unsicheren Identität. Ähnlich wie Österreich leidet auch die Türkei am Phantomschmerz der zerfallenen Großmacht. Von außen unter Druck und im Inneren gespalten, rückt die Nation zusammen. Die allgegenwärtige Halbmondfahne ist – auch – ein Zeichen der richtigen Gesinnung.

Foto: Mehmet Emir
Hasan Ali Toptas steht auf der Terrasse der österreichischen Botschaft in Ankara und fröstelt. Der Verkehr des sechsspurigen Atatürk Bulvari ist im Garten kaum mehr zu hören, es wird dunkel, die Konturen verschwimmen, der Blick auf die Welt wird sanfter: blaue Stunde in Ankara. Nächstes Jahr wird Toptas 50, er trägt Jeans, er wirkt jugendlich mit seinen wachen Augen. Doch die Sonne und das Leben haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. In der Türkei gehört er zu den bekanntesten Autoren, er gilt als „urwüchsiges Erzähltalent“ und bedeutendster Vertreter der türkischen „modernen Postmoderne“ – neben Orhan Pamuk. 2006 ist sein Roman Die Schattenlosen , der die Atmosphäre in einem gottverlassenen anatolischen Dorf einfängt, auf Deutsch erschienen. Bald finden in Wien türkische Literaturtage statt, also ist er gekommen, der Journalistengruppe aus Avusturya sein Land zu erklären.

Man merkt Toptas an, dass größere Gruppen seine Sache nicht sind. Er spricht leise und konzentriert, überlegt, wägt ab. Vielleicht sind die Fragen der Journalisten auch zu eindimensional, denn wer über die Türkei redet, stößt schnell auf Widersprüche, die es zusammenzudenken, oder zusammenzuerzählen, gilt: Europa und Asien, Gegenwart und Vergangenheit, Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, Laizismus und Islam, Eigenes und Fremdes und meist all das auf einmal prägen die Türkei. Sie ist ein Land der Gleichzeitigkeit mit großer Vergangenheit, schwieriger Gegenwart und einer ungewissen Zukunft. Ein Staat, dessen Herrscher noch vor 90 Jahren Titel wie „der Schatten Gottes auf Erden“ und „Sultan der Sultane“ trug. Ein Land, über das wir in der Presse viel lesen: von einem Krieg, den es gegen einen Teil des eigenen Volkes, die Kurden, führt, von Foltervorwürfen, Religionsunterdrückung und einer Armee, die auch wirtschaftlich eine bedeutende Macht ist.

Bukowski und Borges

„China verwirrt. Die Türkei verwirrt noch mehr“, hat ein Türkeikorrespondent einmal geschrieben; und kein Autor, Intellektueller und keine Verlegerin, die wir treffen werden, weist nicht auf die Komplexität der Verhältnisse hin, was meist wenig mit Schönfärberei zu tun hat. Auch Toptas antwortet auf die unvermeidliche Frage nach dem „Völkermord an den Armeniern“ ausweichend, deutlicher wird er zum Thema des berüchtigten Paragraphen 301. Mehr als 100 Autoren und Intellektuelle sind in den letzten beiden Jahren der „Verunglimpfung des Türkentums“ geziehen, angeklagt, verurteilt und zum Teil mit Gefängnisstrafen belegt worden. Ob es schwierig ist, Autor in der Türkei zu sein? „Vielleicht ist es kein gutes Zeichen“, meint Toptas, „wenn der prominenteste Vertreter einer Literatur (Orhan Pamuk, Anm.) in die USA emigrieren muss, weil er hier bedroht wird.“ Toptas muss aufbrechen. Zuerst aber rauchen wir noch eine. „Dieselbe Marke, wie sie Bukowski geraucht hat“, meint Toptas, eine Zigarette anbietend. „Ich mag Bukowski nicht“, sagt einer. „Ich auch nicht“, erwidert Toptas, der wie alle seine Kollegen „westliche“ Autoren wie Borges oder Kafka gelesen hat.

Einige Stunden vorher. Esenboga-Flughafen in Ankara, 1923 von Atatürk zur Hauptstadt gemacht und aus der Bedeutungslosigkeit gerissen. Das weite Land liegt braun und trocken, die Berge heben sich kaum vom düsteren Himmel ab, seit Monaten scheint es nicht geregnet zu haben. Busfahrt auf einer sechsspurigen Autobahn zum Zentrum, kein Verkehr, rechts neu in die Höhe gezogene Wohnblöcke, riesige Satellitenstädte, links ist man gerade dabei, slumartige Hüttensiedlungen abzutragen.

Die Türkei ist ein Land der Fahnen. Ob am Bus, von Balkonen hängend, an Banken, Holzhütten, oder großflächig zwischen Wohnblöcken aufgespannt, die Halbmondfahne ist überall. Zwar war gerade Nationalfeiertag, am 29. Oktober 1923 wurde die Republik ausgerufen, doch noch vor einigen Jahren hätten die Menschen die Fahnen nach einem Tag wieder abgehängt, meint Osman Cetin Deniztekin, der gemeinsam mit seiner Frau Filiz den Varlik-Verlag in Istanbul führt. Heute sei das anders, die Türkei befinde sich in einer Identitätskrise, es herrsche Befremden über den Druck des Westens auf das Land, über die sich zerschlagenden Hoffnungen eines EU-Beitrittes, den nach einer neuen Umfrage auch nur mehr 40 Prozent der Türken wollen, über die Anschläge der Kurden, über gesellschaftliche Umbrüche durch die Modernisierung sowieso.

Dazu sei das Land zu stark politisiert und in Blöcke gespalten, deshalb würden auch Autoren hier nie nur als Künstler, aber immer vor allem politisch wahrgenommen. Denn die Einheit der Gegensätze Islam und Laizismus, Westen und Osten, Modernisierung und Tradition ist fragil und die Zentrifugalkräfte stärker denn je. Es brodelt – nicht nur in der Literatur, etwa in Orhan Pamuks Büchern Die weiße Festung, Das schwarze Buch, Rot ist mein Name und auch Schnee, die allesamt Reisen in das Herz der türkischen Finsternis sind.

Und die Literatur jenseits von Pamuk? Deniztekin meint, es sei kein Zufall, dass vor allem nationalis-tische Bücher, Verschwörungstheorien auch, die türkischen Bestsellerlisten dominieren. Ab und an schaffen es auch internationale Bestseller wie Der Name der Rose in die Top Ten, oder wie vor zwei Jahren Mein Kampf. Das Leserpotenzial für Literatur seien etwa zwei Millionen Menschen, eine normale Auflage betrage 2000 Stück, 50.000 müsse man verkaufen, um auf die Bestsellerliste zu kommen. Angesprochen auf Paragraph 301 winkt Deniztekin ab: „You are free to express opinions. But you are not free to give facts.“ Natürlich könne man mit bestimmten Themen ins Gefängnis kommen, und nach wie vor sei es besser, wenn in einem Buch der Begriff Kurdistan nicht vorkomme.

Ein Herz aus Honig

Einen Tag später in Istanbul, von dem ein türkisches Sprichwort sagt, unter seinem Pflaster liege Gold. Viele haben das wörtlich genommen und sind aus den Provinzen hergezogen, um das Fürchten zu lernen. Sie kamen in einen Moloch, der vor 40 Jahren noch vier Millionen Einwohner hatte, heute sind es 16, 20, 24 Millionen, keiner weiß es genau. Eine Metropole, unerbittlich in der Härte ihrer Dynamik, allerdings mit einem Herz aus Honig, das man wahrnimmt, wenn man am Bosporus sitzt, Fisch isst und den Wind in den Haaren spürt. Eine Stadt, in der aus jeder Ecke, jedem Laden Müzik tönt, in der es von hupenden Autos und Menschen wimmelt, einige tragen Irokesenschnitt, andere die Burka, man geht vorbei an Hallen voller Süßigkeiten, an Blumenverkäufern, Kebabständen und Pizzerien, vorbei am Fischmarkt, vorbei an alten Bürgerhäusern, vorbei an Starbucks, Burger King, McDonald’s. Kurz, es riecht nach Welt, nach der ganzen Welt.

Im Stadtteil Beyoglu hat Müge Gürsoy Sökmen, die 2008 den Auftritt des Gastlandes Türkei an der Frankfurter Buchmesse koordiniert, ihren Metis-Verlag. Murathan Mungan, ein kurdischstämmiger Autor, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt und spätestens seit seinem Gedichtband Auch der Sommer geht vorbei (1992) ein Kultautor der Jungen ist, publiziert bei Metis. Er ist eines der Zugpferde des Verlages, 100.000 Exemplare seiner Bücher verkauft er durchschnittlich.

Eine weitere wichtige Autorin des Verlages ist Elif Shafak, die ihre Bücher alternierend in Englisch und Türkisch schreibt. 1971 wurde sie in Straßburg geboren, erst später kam sie in die Türkei. Ihr Roman Der Bastard von Istanbul, in dem sie die Geschichte einer türkischen und einer armenischstämmigen Familie zusammenführt, war 2006 ein Bestseller und handelte der Autorin, weil sie an einer Stelle von „türkischen Schlächtern“ schreibt, eine Anklage nach Paragraph 301 ein, die aber sofort abgewiesen wurde. Auf den Feminismus angesprochen, reagiert Shafak scharf. Sie sehe die islamische Frau nicht als Opfer, sondern als starke Persönlichkeit. Man könne nicht die gesamte türkische Gesellschaft über einen Kamm scheren. Auch die Literatur nicht, dazu sei sie viel zu polyphon und vielfältig. Es sei das Privileg des Autors, jemand anderer zu sein, sich in ihn hineinzuversetzen, meint Shafak weiter. Daher interessiere sie auch nicht, die Stimme der Frauen in der Türkei zu sein, vielleicht schreibe sie ja ihr nächstes Buch über einen schwulen norwegischen Professor. Dann geht sie.

Samstagabend. Condoleezza Rice, die zu Vermittlungsgesprächen in Istanbul war, befindet sich auf dem Rückflug, Fenerbahce hat zwei eins gegen Besiktas gewonnen, unten am Bosporus erstrahlt der Dolmabahce Palast im Licht der Scheinwerfer. Hier starb Atatürk am 10. November 1938, die Uhren im ganzen Palast stehen seither auf seiner Todesstunde. Noch einmal kommt einem Elif Shafak in den Sinn, die lange über den Sufismus sprach, der Einheit als Einheit von Gegensätzen definiert, und Fazil Hüsnü Daglarca, Jahrgang 1914, der wohl bekannteste Lyriker der Türkei. Ein Journalist fragte ihn vor ein paar Jahren, was sich am meisten geändert habe in der langen Spanne seines Lebens. Er antwortete: Früher atmeten die Menschen auf hundert verschiedene Arten. Heute noch auf fünf. Früher ging in einem Tag eine Stunde vorbei. Heute kommt man in einer einzigen Stunde einen Tag voran. Wo das Herz der Türkei liege, wurde er gefragt. Das, antwortete er, muss jeder selber suchen. (Stefan Gmünder, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.11.2007)