Die Herren hatten sich einen symbolträchtigen Ort ausgesucht: Mount Vernon, George Washingtons Landsitz. In dessen Flur hängt ein schlichtes Glaskästchen mit einem groben Schlüssel. Der Schlüssel zur Bastille in Paris. Der Marquis de Lafayette hatte ihn vor gut 200 Jahren an den Kampfgefährten in den Unabhängigkeitskriegen und ersten US-Präsidenten geschickt – als Symbol dafür, dass nun auch in Frankreich Freiheit und Demokratie eingezogen seien. Genau eine solche Freundschaft, scheint es, hätten auch George W. Bush und Nicolas Sarkozy gern wieder.

"Liebe"

Der französische Präsident sprach dieser Tage gar von „Liebe“ zwischen beiden Ländern. So weit wird die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Wochenende auf Bushs Ranch in Texas wohl nicht gehen. Aber immerhin, sie ist die Dritte in einer Reihe europäischer Spitzenpolitiker – rechnet man Recep Tayyip Erdogan mit –, die vergangene Woche äußerst freundlich vom US-Präsidenten empfangen wurden. Fast, könnte man meinen, seien die in den letzten Jahren so arg gebeutelten transatlantischen Beziehungen in vollem Umfang wiederhergestellt: freundliche Worte, freundliche Nasenlöcher, freundliche Politik.

In der Tat sind in Europa nun Politiker an der Macht, mit denen Bush besser kann. Sarkozy musste sich in unschmeichelhafter Nachfolge Tony Blairs bereits als „neuer Pudel Bushs“ bezeichnen lassen. Hinter dem beiderseitigen Wolfslächeln allerdings sehen die Dinge etwas anders aus. Beim G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm etwa hieß es in den europäischen Delegationen unverholen: Wir müssen warten, bis Bush weg ist, vorher geht in vielen Politikfeldern gar nichts mehr.

Noch einmal freundschaftlicher

Ja, atmosphärisch kann das transatlantische Verhältnis besser geworden sein. Auch nach Bushs Abschied im Jänner 2009 mag es mit dem möglichen Amtsantritt einer Demokratin oder eines Demokraten noch einmal freundschaftlicher werden. So wie zu Zeiten Bill Clintons aber wird es wohl nie wieder sein – auch wenn Hillary Clinton ins Weiße Haus einzöge. Zu sehr haben sich inzwischen die Interessen der USA und die globalen Machtverhältnisse verschoben. Die transatlantischen Beziehungen haben für Washington nicht mehr oberste Priorität, die wiedergewonnene Freundschaft bleibt ohne Einfluss.

Wer etwa die in der US-Zeitschrift Foreign Affairs verglichenen außenpolitischen Programme von Hillary Clinton und Rudy Giuliani ansieht, findet mehr Kompetenz und Kooperationswillen bei der Demokratin. Im Grunde aber unterscheiden sich die Ansätze kaum, weil die Interessen der USA eben so sind, wie sie sind: Es geht um die Sicherung von (Energie-)Ressourcen, das Verhältnis zu neuen militärischen und wirtschaftlichen Kraftzentren auf der Welt.

Geostrategisch kalkulieren

China oder Indien haben in einigen Weltgegenden inzwischen deutlich mehr Einfluss als die Europäer, ja womöglich auch als die USA selbst. Damit muss Washington geostrategisch kalkulieren. Aus den europäischen Hauptstädten und Brüssel dagegen sind – auch wenn der Reformvertrag einmal umgesetzt sein wird – außenpolitisch kaum mehr als Appelle zu erwarten. Beispiele? Ohne die Chinesen geht in Nordkorea, Burma oder dem Sudan nichts. Ohne Neu-Delhi und Peking wird auch die Krise in Pakistan für die USA schwer zu handeln sein. Im neu aufgelebten Disput mit Russland indes brauchen die Amerikaner die Europäer nicht mehr, sie zetteln im Alleingang „Revolutionen“ im Hinterhof Moskaus an (die im Nachhinein schiefgehen, siehe Georgien). Auch die Schwäche der europäischen Natopartner ist in allen Einsätzen des Bündnisses evident.

So groß kann eine Freundschaft gar nicht sein, als dass sie diese Defizite überdecken könnte. Das müssen sich die Europäer vor Augen führen, bevor sie 2008 in Euphorie über ein neues Gesicht im Weißen Haus verfallen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die transatlantischen Beziehungen auch dann in einem warmen Händedruck und symbolischen Einladungen erschöpfen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe 10./11.11.2007)