Foto: Scherz
Doch der Fremde kehrt nachts wieder und stellt Nieman ein Ultimatum. Ein Fall für Hauptkommissarin Louise Boni aus Freiburg: Nieman, ein schwacher Mensch, dessen Familie in Auflösung scheint, hat einmal bei der Asylbehörde gearbeitet und psychisch sehr darunter gelitten. Hatte er da mit dem seltsamen Besucher Kontakt? Warum will er sich an nichts erinnern? Was der mehrfach ausgezeichnete, in München lebende Autor Oliver Bottini in seinem dritten, 440 Seiten dicken Kriminalroman entwickelt, ist eine über das Genre hinausweisende Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, die er anhand der Ereignisse im Jugoslawienkrieg von der Theorieebene in die Realität holt. Der Wunsch nach Rache ist ein sehr menschlicher; auch Louise Boni hegt Rachegedanken, als das Mädchen, das sie hätte schützen sollen, ermordet wird. Aber sie will auch verstehen und, kaum bewusst, auch ihre eigene Wurzellosigkeit aufarbeiten. So reist sie in die Heimat des Täters. Sie beginnt mit dem Feld in Bleiburg, wo die kroatischen Flüchtlinge glaubten, den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben und dann im Mai 1945 von den Engländern in den Tod geschickt wurden. Sie taucht ein in die Vergangenheit Südosteuropas, in die Geschichte der von Maria Theresia angesiedelten deutschen Bauern in Jugoslawien, sie fährt nach Zagreb, nach Osijek, nach Vukovar und begreift schließlich, dass in diesen scheinbar unauflösbaren Konflikten keine neuerliche Gewalt helfen kann. All dies schildert Bottini episch, berührend, aber auch mit tiefem Pessimismus. Unbedingt lesenswert. (i.sperl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.11.2007)