Web-Sex und der Mensch als Ware: Eine Szene aus "Import/Export".

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"Eine gewisse Penetranz muss sein": Ulrich Seidl im Gespräch.

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Standard: "Import/Export" - ein Episodenreigen über Menschen, die sich zwischen Ost und West bewegen und ausbeuten. Was war da ein erster Ausgangspunkt für Sie?

Seidl: Zuerst wollte ich über einen jungen Arbeitslosen erzählen. Ich hatte da eine siebenköpfige Familie im 22. Wiener Gemeindebezirk kennengelernt: Fünf erwachsene Kinder und ihre Eltern, alle arbeitslos. Da war ein 17-Jähriger dabei, über den wollte ich was machen, aber für einen ganzen Film war's zu wenig. Parallel dazu war ich damals viel im Osten und schrieb mehrere Geschichten ...

Standard: ... von denen aber nicht alle Eingang in den Film gefunden haben?

Seidl: Ja, da wären zum Beispiel Roma, die in Österreich organisiert betteln, um zuhause in Rumänien Kredite abzahlen zu können. Rumänische Musiker, die plötzlich populär werden und im Westen Geld machen. Ein Hotel-Scout, der im Osten Geld investiert.

Standard: Es geht also immer um ein Tauschprinzip?

Seidl: Genau. Geschäft. Ware. Der Mensch als Ware.

Standard: Und es geht darum, dass man für das, was man als Ware verkauft, keinen entsprechenden Lohn erhält. Zumindest nicht, wenn man sich als Arbeitsloser oder als Internet-Prostituierte, als Kindermädchen oder unterbezahlte Altenpflegerin vergeudet.

Seidl: Mir war aber schon wichtig, dass sich zum Beispiel dieser junge Arbeitslose von seinem Vater emanzipiert. Dass dieser junge Mann, der sich vor allem über seinen Körper und seine Kraft definiert, auch eine sensiblere Seite hat: Das überrascht ja dann fast. Aber klar, er bekommt nur wenige Chancen. Er ist sozusagen ein Mensch, den man in dieser Gesellschaft nicht braucht.

Standard: Was hieß da Arbeit mit den Darstellern? Wie schon in "Hundstage" haben Sie hier ja sowohl mit Laien als auch mit ausgebildeten Schauspielern gearbeitet.

Seidl: Ich frage mich im seltensten Fall von vornherein, ob eine Rolle nun mit einem Laien oder einem Schauspieler besetzt wird. Von beiden erwarte ich, dass sie sich einbringen, dass etwas von ihren Eigenheiten und Obsessionen einfließt. Ich arbeite auch bei den Schauplätzen immer mit dem, was mir ungeplant entgegen kommt: Insofern habe ich zum Beispiel während des Drehs die Rolle einer jungen Pflegerin in der Geriatrie ausgebaut, die übrigens tatsächlich einen Patienten geheiratet, beerbt und dann ihr Kind aus der Ukraine zu sich nach Österreich geholt hat.

Standard: Wie sieht bei dieser Methode das Verhältnis zwischen dem gedrehten Material und dem fertigen Film aus?

Seidl: Gedreht haben wir 80 Stunden Material. Der erste Rohschnitt dauerte acht Stunden, die erste akzeptable Fassung vier Stunden. Das wäre aber eher etwas für Zuschauer, die sich auf so ein Format, das natürlich einen anderen Rhythmus hat, einlassen können. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich so eine Langversion zum Beispiel für eine DVD mache. In einigen Fällen war es schmerzlich, auf Szenen zu verzichten. Man nimmt den Charakteren Facetten weg. Zum Beispiel ist ein Bruder der weiblichen Hauptfigur beim Schnitt weggefallen.

Standard: Wie würden Sie dann in Ihrem Fall die Arbeit im Schneideraum beschreiben?

Seidl: Das ist wie Bildhauerei. Man hat da einen Granitblock, aus dem man fortwährend Teile heraushaut, und dabei folgt man natürlich dem Material. Das vorher einmal geschriebene Drehbuch spielt zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Rolle mehr. Auf dem Filmmaterial ist ja vieles, was man vorher nicht annähernd gedacht hat. Man schreibt den Film neu.

Vieles entwickelt sich erst am Set: zum Beispiel die Szenen mit dem Vater und dem Sohn, die in der Slowakei in einem Nachtlokal uneins sind, was man mit "den Weibern" machen soll - die dauerte letztlich viel länger als geplant. Und das ist auch besser so. Es kommt meiner Haltung entgegen, dass Szenen mitunter eine gewisse Penetranz haben müssen. Wenn zwei Männer eine Frau wie einen Hund behandeln, dann braucht das eine gewisse Länge und Dauer, damit es dem Zuschauer unangenehm wird.

Standard: Sehen Sie nach den Erfahrungen von "Hundstage" und diesem Film Richtungen, in die Sie weiter experimentieren würden?

Seidl: Tatsächlich plane ich seit langem einen Historienfilm rund um den Räuberhauptmann Grasel. Und man versucht ja tatsächlich mit jedem Film etwas Neues zu machen. Import/Export hat mich viel mehr gefordert als Hundstage. Zum einen, weil ich selbst Produzent war. Zum zweiten, weil die Drehbedingungen etwa in der Ukraine oder auch in der Wiener Geriatrie viel extremer waren. Ich wusste lange nicht, ob da wirklich was rausschaut, wenn man da mit Schauspielern eine Pflegestation besetzt.

Standard: Diese Unwägbarkeiten scheinen Sie als Künstler aber zu brauchen, oder?

Seidl: Na ja, manchmal hätte man schon lieber mehr Klarheit. In dem Fall hätte ein künstlerisches Versagen auch eine Pleite als Produzent bedeutet.

Standard: Was wären dann die nächsten Projekte?

Seidl: Ich arbeite schon seit längerer Zeit zum Thema Massentourismus. Das könnte vielleicht sogar mehrere Filme ergeben. Ein Konzept, das ich geschrieben habe, erzählt etwa von zwei Fluchtbewegungen: Der Westen reist in die dritte Welt, in irgendwelche Ferienressorts und Clubs, die mit dem jeweiligen Land eigentlich nichts zu tun haben. Davon profitieren vor Ort ein paar Leute außerhalb des Zauns, und die reisen dann wieder in die andere Richtung, um ihr Glück zu finden.

Und dann gibt's noch ein anderes Konzept mit dem Arbeitstitel Paradies. Da geht es um drei Frauen: eine Sextouristin, eine Missionarin und eine junge Frau, die in einem Diät-Camp ihre Unschuld verliert. Das könnte der nächste Film werden.

Standard: Man hört, Sie bereiten auch fürs Theater wieder etwas vor?

Seidl: Mit Stefanie Carp von den Wiener Festwochen bin ich seit längerer Zeit immer wieder im Gespräch. Gut möglich, dass ich auch da Tourismus thematisiere. (Interview: Claus Philip, DER STANDARD/Printausgabe, 10.11.2007)