Wohnen in der Kaserne: Auch die Marinekaserne Tegetthoff in Wien Döbling ist schon ausgeschrieben. Bald werden hier Wohnungen errichtet.

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Demnächst werden die ersten Wohnbauten fertiggestellt.

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Derzeit befindet sich das Österreichische Bundesheer im Umbruch. Im Rahmen der Reform "Management ÖBH 2010" werden die Strukturen den Gegebenheiten der Zeit angepasst. Ein wesentlicher Punkt ist dabei das Freiwerden von Immobilienflächen, die bisher vom Bundesheer genutzt wurden. "Durch die Auflösung von Kasernen, Amtsgebäuden und Übungsplätzen werden wir in den kommenden Jahren bis zu 40 Prozent all unserer Liegenschaften veräußern", erklärt Wolfgang Schneider, Pressesprecher des Bundesministeriums für Landesverteidigung (BMLV). Mit dem erzielten Erlös soll das Heer modernisiert werden.

Bauträger und Investoren erkannten schon früh die Gunst der Stunde - und kauften dem Bund die Grundstücke ab. Die ersten Pläne für die Neunutzung der Brachen sind bereits gezeichnet. Auch Städte und Gemeinden bekunden großes Interesse an dieser Form der Stadtverdichtung. Umwelt- und ressourcenschonend können auf diese Weise die sogenannten "Brown-fields" vor den "Greenfields" verwertet werden. Damit ist den Brachflächen wie etwa leerstehenden Industriegeländen, Gleisanlagen oder eben Kasernen gegenüber der grünen Wiese eindeutig der Vorzug gegeben.

Eigene Maklerfirma gegründet

Eigens zum Zweck der Verwertung nicht mehr benötigter Liegenschaften gründete das BMLV Ende 2005 zusammen mit der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft) eine Maklerfirma, die Sivbeg (Strategische Immobilien Verwertungs, Beratungs, und Entwicklungsgesellschaft). Obwohl der Kasernenausverkauf erst vor zwei Jahren begann, kann man heute bereits auf 20 Liegenschaftsverkäufe verweisen. Neben Gebäuden zählen dazu auch Wälder, Teiche und Garnisonsübungsplätze. 31 weitere Standorte befinden sich noch im Portfolio.

"Der Verkauf gestaltet sich nicht immer einfach", sagt Sivbeg-Sprecher Ernst Eichinger, "schließlich wollen die Interessenten auf den angebotenen Grundstücken ja keine Schießübungen machen." Erster Schritt sei daher in jedem Falle die Umwidmung der Grundstücke in Bauland. Und das braucht Zeit. "Ein Umwidmungsverfahren dauert mindestens sechs bis zwölf Monate", weiß Eichinger, "ehe man sich versieht, sind bis zum erstmöglichen Baubeginn schnell einmal zwei Jahre vergangen."

Revitalisierung?

Hinter der Umnutzung alter Kasernengebäude steckt weit mehr als eine reine Revitalisierung. Zentrale sanitäre Einrichtungen, riesige Schlafsäle und enorme Trakttiefen sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Nachnutzung als Wohnbau. Verständlich also, dass die Bauträger in erster Linie danach trachten, die alte Bausubstanz abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen. So geschehen auf dem Gelände der ehemaligen Berger-Kaserne im burgenländischen Neusiedl am See. Mitte 2006 wurde das 120.000 Quadratmeter große Grundstück um acht Millionen Euro an den Bauträger Arwag verkauft, woraufhin dieser alle Gebäude, die nicht unter Denkmalschutz standen, abreißen ließ. Stehen blieb einzig das denkmalgeschützte Haupthaus. "Nach derzeitigem Planungsstand werden in dem Gebäude 82 Wohnungen realisiert", erklärt Michael Hoffmann von der Arwag. Highlights seien fraglos die enormen Raumhöhen, das erhaltene Gewölbe im Erdgeschoß und die hofseitigen Arkaden, die als Loggien genutzt werden.

Auch für die Prinz-Eugen-Kaserne in Stockerau gibt es bereits konkrete Pläne. Um 6,25 Millionen Euro wurde die Liegenschaft an die Kasernenerrichtungsgesellschaft, eine Konzerngesellschaft der Raiffeisen-Holding, verkauft. Im Zentrum steht die Errichtung geförderter Wohnungen.

Umnutzung weiterer Standorte möglich

Eines der vorerst am weitesten vorangeschrittenen Projekte ist jedoch die Erzherzog-Wilhelm-Kaserne in Wien Leopoldstadt. Sämtliche Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht. Derzeit entstehen hier rund 650 Wohnungen und 15.000 Quadratmeter Bürofläche. Nach anfänglicher Zurückhaltung bis hin zur einstigen Bausperre über das Gelände der ehemaligen Kaserne kann man sich in Wien inzwischen auch die Umnutzung weiterer Standorte vorstellen. Eine Voraussetzung gibt es, erklärt Klaus Vatter, Obersenatsrat der Abteilung Stadtteilplanung und Flächennutzung (MA 21A): "Der Anstoß muss schon von Heeresseite kommen. Wir wollen ja schließlich keine Arbeitsplätze infrage stellen." (Christoph Warnke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.11.2007)