Win Butler von Arcade Fire - und als solcher eine rare Lichtgestalt im zeitgenössischen Pop - arbeitet sich Richtung Ekstase vor. Gleich kommt er an.

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Wien - Sie haben es wirklich getan. Sie haben tatsächlich eine verdammte Kirchenorgel mit auf Tour genommen! Der Klang aus 18 dröhnenden Orgelpfeifen donnerte Samstagabend nach einer guten Dreiviertelstunde in den seit Wochen ausverkauften Saal des Wiener Gasometers. Es war das Intro zum Song Interven-tion , den das zu dieser Zeit längst restlos begeisterte Publikum mit der Euphorie empfing, die dieser verbreitet.

Intervention, das ist ein Schlüsselwort für das Schaffen der von Kanada aus operierenden Band Arcade Fire. Sie vermittelt und belegt überzeugend, dass es in Zeiten von austauschbarer Malen-nach-Zahlen-Musik, Klingelton-Müll, Castingshow-Stars und der damit einhergehenden Verödung der Popmusik immer noch möglich ist, unberechenbar und spannend zu sein. Und zu berühren!

Dafür nimmt man neben hemmungslos ausgestellten Gefühlswelten, die jedes Stück in Herzblut baden, was man braucht. Im Fall eines aktuellen Arcade-Fire-Konzerts ist das eben eine Kirchenorgel, dazu zehn wild durcheinander die Instrumente tauschende Musiker, die insgesamt eine Rappelkiste ergeben, die sich im Laufe eines Konzerts an sich selbst entzündet. Und dieser Funkenflug breitet sich wie ein wohlig schauriger Flächenbrand großer und immer größer werdender Emotionen aus.

Schon der Beginn ihres zweiten Wien-Gastspiels verdeutlichte Anliegen und selbstgestellte Aufgabe der Band: Über mehrere Bildschirme wurden schwarze Prediger übertragen, die sich in Rage missionierten, bis sich aus der so erzeugten Kakofonie aus Gospel und Ekstase das erste Stück schälte: Black Mirror.

Rage und Ekstase, so verlief dann auch die Show, die sich Stück für Stück von einem simplen Konzert wegentwickelte - hin zur Messe samt reichlich Segnungen.

Und hallo! Wir waren immerhin im Schasometer gerufenen Gasometer, der scheußlichsten Halle, die sich je ein grausamer Architekt für Konzerte ausgedacht hat. Doch das und die sich daraus ergebende besch... eidene Akustik wurden zu profanen Nebensächlichkeiten, die der stürmende und drängende Folkrock von Arcade Fire vergessen machte.

Ende und Anfang

Arcade Fire, diese Endorphinlieferanten um das Ehepaar Régine Chassagne und Win Butler, tauchten 2004 mit dem Album Funeral auf, das zu den definitiven Alben der Nullerjahre zu zählen ist - der Standard verkündete das als erste deutschsprachige Zeitung. Dieses Album, dessen Titel auf neun Todesfälle in kurzer Zeit im Familien- und Freundeskreis der Band anspielte, überzeugte mit Gefühlsschattierungen, die von desperater Grabesstimmung bis zur himmelsstürmenden Euphorie reichten: Jedem Ende sein Anfang.

Damit gelang der Band tatsächlich eine mittelgroße Welteroberung, und das heuer erschienene Folgewerk Neon Bible, benannt nach John Kennedy Tools Jugendroman, untermauerte ihre Ausnahmestellung - auch wenn ihm das Überraschungsmoment von Funeral naturgemäß fehlte.

Live zeigte sich jedenfalls, dass Songs aus beiden Alben gleichermaßen begeistern. Das Klaus-Nomi-artige Black Wave/Bad Vibrations ebenso wie balladeskes (Neon Bible) oder die wuchtig, fahrig und dabei konzise in die Welt gespielten Hymnen der Band: Das erwähnte Intervention, Neighboorhood #1 (Tunnels) oder das, nach einer Interpretation des Smiths-Klassikers Still Ill, als letzte Nummer gegebene Wake Up, das nach all den vorangegangenen dann tatsächlich noch einen weiteren Höhepunkt markierte.

Arcade Fire demonstrierten beeindruckend ihre Originalität. Sie leben und zeigen vor, welch außerordentliche Kunst möglich ist, wenn man die eigenen Obsessionen bedingungslos auslebt. Siehe dazu auch vergleichbare Bands wie Beirut oder Adrian Orange & Her Band. Da wie dort zeitigt die Hingabe an eine als Berufung und nicht als Karriereoption verstandene Kunst begeisternde Ergebnisse. In diesem Sinne sind Arcade Fire Brandstifter des Guten! (Karl Fluch /DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2007)