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Seine Sprache erforscht Zusammenhänge, die Historikern nicht zugänglich sind: Mailer, im Juni 2007 mit Günter Grass in New York.

Foto: APA/EPA/Peter Foley
Provincetown, Massachusetts, im September. Der Besucher ist zu spät gekommen. Das Standard-Interview mit dem großen amerikanischen Schriftsteller zu dessen Buch über den jungen Hitler konnte nicht mehr stattfinden. In einem New Yorker Krankenhaus musste er sich einer Lungenoperation unterziehen, Ergebnis positiv, Perspektive hoffnungsvoll, aber unsicher. Der Schriftsteller kämpfe wie ein Löwe, aber er sei auch ein schwieriger Patient. Für beide Charakterzüge ist er weltberühmt.

Die jährliche Tagung der Gesellschaft, die dem Werk und der Person des Schriftstellers gewidmet ist, muss ohne ihn stattfinden. Mike Lennon, Biograf und Nachlassverwalter, zeigt dem Besucher dessen geräumiges Haus mit großem deck direkt an der Strandseite. In "P-Town", einem Künstlerstädtchen an der amerikanischen Ostküste, in dem unter anderem Eugene O'Neill, Tennessee Williams, Willem de Kooning und Jackson Pollock gelebt hatten, fühlt sich der Schriftsteller seit Jahrzehnten zuhause. Er setzt sich ein für den Ort, so heißt es; versucht, dessen große schöpferische Tradition fortzusetzen. Das Haus aber scheint sehr leer ohne den unruhigen Geist, der es sonst bewohnt.

Die Konferenz findet in einem in die Jahre gekommenen, aber äußerst gemütlichen Hotel statt, das sich direkt an dem Ort befindet, wo die Pilgrim Fathers im Jahr 1620 zum ersten Mal amerikanischen Boden betraten. Viele der Teilnehmer kennen den Schriftsteller persönlich, haben ihn in verschiedenen Etappen seines Lebens ein Stück lang begleitet. Sie teilen seine Dynamik und Energie, viele auch seine bohèmehafte Einstellung. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war er eine bekannte Figur in der New Yorker Szene gewesen, in Alkohol, Drogen und Ehedramen verwickelt. Bürgermeister von New York City wollte er damals werden, als Filmregisseur hatte er sich versucht, mit den Feministinnen einen großen öffentlichen Streit begonnen, der ihm bald den Ruf eines unverbesserlichen Machos einbrachte und ihn in der Folge aus vielen universitären Leselisten verbannte. Unsinn, erklären die vielen Frauen unter den Konferenzteilnehmern dem Besucher. Der Schriftsteller habe Probleme - auch zwischen den Geschlechtern - beim Namen benannt, von falsch verstandener political correctness aber habe er gar nichts gehalten.

Die Stimmung im Konferenzraum des Hotels ist eine Mischung aus Hoffnung und vorweggenommener Trauer. Ein riesiges Porträt des Schriftstellers wacht über die Verhandlungen der Konferenz, er ist also auch visuell omnipräsent. Die erste Nummer der Review, deren Titel seinen Namen trägt, liegt aus - noch zu Lebzeiten des Autors. Die Beiträge der Konferenz betreffen das Gesamtwerk des Schriftstellers, der sein Leben lang davon träumte, den "großen amerikanischen Roman" zu schreiben. Einige seiner Bücher sind ja auch genau das, etwa der Erstling Die Nackten und die Toten (1948), ein Kriegsroman, der den erst fünfundzwanzig Jahre alten Veteranen des pazifischen Kriegsschauplatzes schnell weltberühmt machte, oder An American Dream (1965), dessen New Yorker Existenzialismus eine Spur optimistischer ist, als es der Titel der deutschsprachigen Übersetzung, Der Alptraum, vermuten lassen würde.

Viel wird hier auch gesagt zum journalistischen Werk des Schriftstellers, der von vielen als der Vater des New Journalism bezeichnet wird, der traditionelle Berichterstattung mit den Möglichkeiten der Fiktion verbindet. Bücher über den Vietnamprotest hat er geschrieben, über Marilyn Monroe, Muhammad Ali, die Mondlandung, Kennedy-Mörder Oswald und gar über Jesus Christus. Der Stil wird zum dominanten Mittel der Berichterstattung und der Biografie; die Sprache des Romanciers erforscht Zusammenhänge, die dem Historiker nicht zugänglich sind. Das klingt rätselhaft, wird dem Leser dieser Werke aber schnell klar.

Am Nachmittag lädt die Berta Walker Gallery zur Eröffnung einer Ausstellung - künstlerische Arbeiten der Großfamilie des Schriftstellers. Er war gleich sechsmal verheiratet, einmal sogar nur wenige Tage, um der gemeinsamen Tochter "legitimen" Status zu geben. Das klingt wilder, als es ist. Seit mehr als dreißig Jahren ist er mit derselben Frau verheiratet, Norris Church, Künstlerin und Schriftstellerin aus Arkansas, die sich seinerzeit auch öfters mit Bill Clinton traf. Mit ihr hat der Schriftsteller seinen jüngsten Sohn, John Buffalo; insgesamt hat er acht Kinder in die Welt gebracht. Norris und einige seiner Kinder stellen hier aus, zusammen mit ihrem Vater, dessen Zeichnungen ein wenig an Picasso erinnern, über den er auch ein Buch geschrieben hat. Eine Künstlerfamilie.

Inzwischen haben sich weitere Persönlichkeiten eingefunden, darunter die Schwester des Autors, Barbara, die an einflussreicher Stelle als Verlagslektorin gearbeitet hat, und der in New York lebende Österreicher Hans Janitschek, USA-Korrespondent der Kronen Zeitung, früher Kreisky-Berater und Präsident der Sozialistischen Internationale. Janitschek ist ein alter Freund des Schriftstellers und hat viele Anregungen zum letzten Buch zu Adolf Hitler gegeben, ein Buch, das der Schriftsteller schon sein ganzes Leben lang schreiben wollte, wie er öfters sagte. Dem Besucher gegenüber insistiert er auf der Bedeutung der politischen Vision des Schriftstellers; die im besten Sinne radikale Kritik an der U.S.-amerikanischen Gesellschaft und Politik bewundert er zutiefst. Tatsächlich war der Schriftsteller immer ein streitbarer - und daher auch umstrittener - politischer Kopf gewesen, der in der Paranoia einen Grundzug der U.S.-amerikanischen, manchmal auch der westlichen Kultur insgesamt sah. Einen konservativen Linken hat man ihn manchmal genannt oder auch einen linken Konservativen, dessen größter Zorn sich vor allem gegen Denkverbote richtete, was ihn natürlich in Konfrontation mit Dogmatikern aller Schattierungen brachte. Trotzdem wusste er genau, wo er stand, sei es im Kampf gegen den Vietnamkrieg oder, zuletzt, in der konsequenten Ablehnung des Irakkriegs, und zwar 2003, zu einer Zeit, als die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung noch nicht gekippt war.

Die Konferenz findet ihren Abschluss im Michael Shay's, dem Lieblingsrestaurant des Schriftstellers. Die bange Frage, ob man ihn im folgenden Jahr auf der Konferenz begrüßen würde können, wird erst einige Wochen später beantwortet: Norman Mailer ist am 10. November 2007 im New Yorker Mt. Sinai Hospital im Alter von 84 Jahren gestorben. Einer der ganz Großen in der Geschichte der amerikanischen und der Weltliteratur ist er allerdings schon seit langem. (Walter Grünzweig /DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2007)