Wenn Eltern nicht zu den Elternsprechtagen kommen, sollen sie bestraft werden. Dies fordern die Chefs der Lehrergewerkschaft Walter Riegler (Pflichtschulen) und Eva Scholik (AHS). Ein Entzug des Kindergeldes steht im Raum.

Das ist einerseits eine klassische Verantwortungsabwälzung von klassisch verstockten Lehrer-Interessenvertretern. Andererseits ist es ein Verzweiflungsschrei - oder vielmehr das Echo auf die Verzweiflung zahlreicher Lehrer, die sich von der Schulrealität überfordert fühlen. So sehr es Grund zur Kritik an der Selbstversorgermentalität vieler Lehrer gibt - die Tragikomödie um die zu Herbstferien verkommenen "schulautonomen Tage" ist ein typischer Punkt - , so sehr muss anerkannt werden, dass Lehrersein zu einem ausgesprochenen Stressberuf wurde.

Die alte, oft genug allzu autoritäre und persönlichkeitsverbiegende Machtstellung der Lehrer gegenüber den Schülern ist weitgehend dahin. Die (falschen) Autoritäten haben sich aufgelöst, teils wurden sie von der Schulpolitik bewusst abgebaut. Das muss man an sich nicht beklagen, es war pädagogische Schadstoffproduktion.

Aber statt einer freieren, geistig offeneren Atmosphäre im Klassenzimmer war das Ergebnis oft genug Verwahrlosung, Verrohung, frustriertes Desinteresse auf beiden Seiten des Katheders. Das hat aber mit den Zeitläuften an sich zu tun, das zwischenmenschliche Zusammenleben ist einfach rücksichtsloser geworden.

Die Gewalt in den Schulen ist ein unleugbares Phänomen, aber fast noch schlimmer ist die Abnutzung durch lernunwillige, anti-intellektuelle, nicht zu disziplinierende Schüler.

Wer - wie die meisten unserer Lehrer - ohne pädagogisches Handwerkszeug losgeschickt wird, ist schwer burnout-gefährdet. Dazu kommt, dass der Lehrberuf nur ganz wenige Aufstiegs-, aber auch Ausstiegsmöglichkeiten bietet.

Auf der einen Seite erhöhte Bildungsunwilligkeit und Verhaltensauffälligkeiten, auf der anderen Seite Flucht in die Festung der "wohlerworbenen Rechte". Wenn die Schule schon nicht auszuhalten ist, dann soll uns die Gewerkschaft möglichst viel Freizeit bei möglichst viel Geld herausschinden. Aber vor allem aber wollen wir auf gar keinen Fall, dass sich an diesem System, so unglücklich und unzufrieden es uns macht, wirklich substantiell und strukturell etwas ändert. Lieber verfallen wir auf absurde und undurchführbare Ausweichhandlungen, wie etwa eine Bestrafung von Eltern.

Die Lehrer sind Opfer. Zunächst Opfer der Politik, beziehungsweise der flächendeckenden Politisierung. Was die schwarz-blaue Koalition im Schulbereich angerichtet hat, ist in seinen Auswirkungen noch gar nicht zu ermessen. Finanzminister Grasser und Kanzler Schüssel wollten den Schmäh eines Null-Defizits und dafür musste "Liesl" Gehrer Stunden streichen. Sie hätte besser zurücktreten sollen.

Die Lehrer sind auch Opfer einer gesellschaftlichen Entwicklung, die nicht nur Bildung, sondern auch Erziehung auf die Schule abschiebt.

Aber die Lehrer sind auch Opfer ihrer selbst. Sie leisten sich eine Beton-Gewerkschaft ohne Visionen; sie erdulden lieber eine schädliche Situation, statt eine Veränderung zu wagen. Die Debatte über unser Schulsystem wird nicht so schnell verstummen. Die Lehrer sollten massiv einsteigen, aber nicht mit Gejammer und Vorschlägen, die Eltern zu strafen. (DER STANDARD Printausgabe, 13. November 2007)