Wenige Staatsbesuche zeitigen bleibender Ergebnisse. Nicolas Sarkozys gerade abgeschlossene Reise nach Washington könnte eine Ausnahme sein, weil der französische Präsident sich möglicherweise vorbereitet, der Nato zum 60. Geburtstag im Frühjahr 2009 ein hoch geschätztes Geschenk zu machen: Frankreichs Rückkehr in die integrierte Militärstruktur der Nato, aus der es unter Charles de Gaulle 1966 ausschied.

Im Rückblick hat sich de Gaulles Entscheidung als viel schädlicher für Frankreich erwiesen als für das Bündnis. Durch sein Ausscheiden aus dem integrierten Militärkommando der Nato schloss sich Frankreich von der politischen Entscheidungsfindung innerhalb des Bündnisses aus und wurde damit zu einem Äquivalent der "Harkis" - der örtlichen Soldaten, die während des Algerienkrieges in der französischen Armee dienten: gute Soldaten, die aber für ihre Dienste so gut wie keine Belohnung erhielten.

Wie realistisch ist ein mögliches Szenario der Rückkehr Frankreichs in den militärischen Schoß der Nato? Historisch betrachtet ist die Beziehung zwischen Frankreich und der Nato beiderseits von zahllosen abgebrochenen Schritten und Fauxpas gekennzeichnet. Der letzte davon war der gescheiterte Versuch Jacques Chiracs, Frankreichs Verhältnis zur Nato nach seinem Amtsantritt 1995 zu flicken. Auch diesmal ist der Erfolg nicht garantiert, doch die Chancen sind sehr viel größer, weil sich Frankreich, die USA und die Welt insgesamt verändert haben.

Zunächst einmal haben die USA jetzt einen echten Freund und Verbündeten im Élysée-Palast. Von Sarkozy als einem Ersatz für Tony Blair innerhalb Europas zu sprechen, wäre voreilig - und wenig hilfreich angesichts der Unfähigkeit Blairs, wesentlichen Einfluss auf die US-Politik zu nehmen. Sarkozy jedoch ist nicht nur begierig, Frankreichs Verhältnis zum Bündnis umzugestalten, er hat auch eine Strategie dafür. Mehr noch: Die französische Armee unterstützt einen derartigen Schritt, während nur eine kleine Zelle innerhalb des Außenministeriums ihn ablehnt.

Sarkozys Strategie besteht darin, Fortschritte beim Ausbau einer gemeinsamen europäischen Verteidigungs- und Sicherheitsstruktur mit einer Neudefinition der Nato zu verknüpfen. Mehr Europa bedeutet in Bezug auf die Sicherheit: mehr Bündnis. Und da Sarkozy als überzeugter Europäer angesehen werden möchte, muss er Frankreichs Beziehungen zu einem neuen, auf zwei Säulen - der europäischen und der amerikanischen - beruhenden Bündnis normalisieren.

Zudem hat Sarkozy eine Berücksichtigung des neuen Kräftegleichgewichts in der EU nach Beitritt der osteuropäischen Staaten vollständig in den französischen Ansatz gegenüber Europa integriert. Anders als Chirac ist er sich bewusst, dass es kontraproduktiv und unrealistisch ist, Länder wie Bulgarien oder Rumänien zu drängen, sich zwischen ihren Loyalitäten gegenüber Europa und Amerika zu entscheiden. Auch hier also erfordert eine Stärkung Europas eine Stärkung der Nato.

Sarkozys Strategie könnte aufgehen, weil auch Amerika sich verändert hat. In den Augen der Amerikaner zeigte der Kosovokrieg von 1999 die unzähligen eklatanten Schwächen der Nato auf, während die Terroranschläge des 11. September 2001 Amerika noch weiter vom Bündnis entfernten - insbesondere nachdem Präsident George W. Bush das Hilfeangebot der Nato abschätzig zurückgewiesen hatte. Sein ehemaliger Verteidigungsminister Donald Rumsfeld versuchte sogar, mit einer Teile-und-herrsche-Taktik das "neue" Europa gegen das von Frankreich und Deutschland geführte, den Irakkrieg ablehnende "alte" Europa auszuspielen.

Diese Trennlinien sind inzwischen Geschichte, und die amerikanischen Vorbehalte gegenüber einer europäischen Sicherheitssäule sind weniger wichtig als Amerikas dringendes Bedürfnis nach Unterstützung durch seine Partner. Konfrontiert mit dem Disaster im Irak, der Gefahr, dass Afghanistan dem Irak ins Chaos folgt, und der sich verstärkenden Irankrise können die USA ihre Nato-Verbündeten nicht länger mit Geringschätzung behandeln. Auch wenn Europa militärisch schwach bleibt: Amerikas Macht steht in Zweifel, warum sollte es eine europäische Säule zur Stärkung der Nato nicht akzeptieren?

Über die Veränderungen in Frankreich und den USA hinausgehend ist der entscheidende Faktor, der der möglichen Neuerfindung der Nato zugrunde liegt, die Verwandlung des internationalen Systems selbst. Einmal abgesehen von der explosiven Lage in Nahost und der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus ist der Westen nun mit dem Aufstieg Asiens, einem selbstbewussteren Russland und neuen Herausforderungen im Bereich der Energieversorgung und der Umwelt konfrontiert.

Sowohl Frankreich als auch Amerika kommt eine Schlüsselrolle dabei zu, diese Probleme effizient in Angriff zu nehmen. Sarkozys Reise nach Washington und seine Rede vor einem aufnahmebereiten Kongress waren ein weiterer Schritt, um zu gewährleisten, dass sie es zusammen tun. (© Project Syndicate, 2007; aus dem Englischen von Jan Neumann /DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2007)